Ich lebe nun auf 2,8 Quadratmetern. Vor ungefähr einer Woche bin ich übersiedelt. In ein Besenkammerl zur Untermiete? Weil die explodierenden Preise meine "richtige" Wohnung in die Luft gesprengt haben? Nein, ins Bett bin ich umgezogen. (Zum Glück verfüge ich über ein halbwegs großes, in dem praktisch mein ganzes Leben Platz hat.) Ja, ich lasse die lesende Person im Folgenden an meinen Bettgeschichten teilhaben. Klingt allerdings pikanter, als es ist. Hier geht’s nämlich nicht um diese Sache mit drei Buchstaben. (Den REM-Schlaf? Kalt.) Vielmehr um Bandscheiben, eingezwickte Nerven und so weiter. Ob ich in meinem Beruf auch schwer heben müsse, hat mich einer der Sanitäter gefragt, die mich die Stiege runtergeschleppt haben. "Bloß mei Tosch’n." - "Damenhandtaschen sind ausgenommen." Meine wiegt sowieso höchstens vier Kilo.

Es begann übrigens exakt wie bei diesem Gregor Samsa in Kafkas "Die Verwandlung". Nur, dass ich mich nicht eines Morgens "zu einem ungeheueren Ungeziefer" verwandelt fand, sondern zu einem - einbeinigen Känguru. Okay, das Bein ist schon noch dran, aber erstens bis zur Fußsohle nach wie vor im Tiefschlaf (und es denkt anscheinend nicht daran aufzuwachen), und zweitens fühlt es sich trotzdem an wie ein Phantomschmerz. Oder eigentlich bin ich eher eine Termitenkönigin, die in ihrem Nest wie eine fette Raupe herumliegt, weil sie auf Grund ihrer Physogastrie, ihres angeschwollenen Hinterleibs, nimmer bewegungsfähig ist (physo: Blase, gaster: Bauch - also, was jetzt? Bauch oder Hintern?), und die lediglich noch Eier legt und sich von vorn bis hinten von ihrem Fußvolk bedienen lässt. Nicht, dass ich Eier legen würde. Zumindest nicht so viele. Einen Blähbauch besitze ich freilich ebenfalls. Wurscht. (Oder: a Kas. Weil das alles ist echt ein Topfen.)

Mein Kontakt zur Außenwelt, zur Welt jenseits der Bettkante (sprich zum Kühlschrank, zum Bücherregal, zum Klo . . ., falsch, Tschuldigung, dort geh ich selber hin, wobei "gehen" ein Euphemismus ist für "kriechhumpeln" und eventuell ein bissl hüpfen wie ein einbeiniges Känguru), ist jedenfalls meine Schwester, die an dieser Stelle lobend erwähnt sei (danke, Michi, du bist die brüderlichste aller Schwestern!). Eine so begnadete Bettlägrige wie die Frida Kahlo werde ich vielleicht nicht werden (die hat immerhin in ihrem Matratzen-Häf‘n, zu dem ihr ramponierter Körper sie immer wieder verurteilt hat, zu malen begonnen, ließ sich gar einmal im Bett zu ihrer Vernissage tragen, und heute schaut eine Barbie so aus wie sie, hallo?), aber wenigstens eine Influencerin kann ich sein. Meinen potenziellen Followern da draußen mein waagrechtes Dasein vorführen. Als lebende Bildschirmschonerin.

He, gibt’s auch Yoga für einbeinige Kängurus? Oder für Termitenköniginnen? Aha, dieser Yogi auf Youtube schlägt Mantra-Singen vor. Oder Kapalabhati. So eine Atemübung. Den "Feueratem". Na, sicher nicht. Schließlich will ich mein neues Zuhause nicht gleich abfackeln. Ach, ich stricke einfach den längsten Schal der Welt und singe dabei "Om". Und vorm heia machen: Tiefenentspannung. Da nehm ich mein Muskelrelaxans ein und erschlaffe vor laufender Webcam. Wäre doch gelacht, wenn das keine Barbie wert wäre. Die erste horizontale Barbie. Und zum Anziehen hat sie nur Pyjamas. Und meinetwegen Socken.