Farbige Rekonstruktion einer griechischen Sphinx (Ausschnitt), aus der New Yorker Ausstellung. 
- © Metropolitan Museum NY

Farbige Rekonstruktion einer griechischen Sphinx (Ausschnitt), aus der New Yorker Ausstellung.

- © Metropolitan Museum NY

Der Titel "Chroma" (altgriechisch: Farbe) der aktuellen Sonderausstellung im New Yorker Metropolitan Museum ist Programm: Ziel der Kuratoren ist nichts Geringeres, als ein neues ästhetisches Verständnis für die Kunstwerke der griechisch-römischen Antike zu vermitteln. Und das bedeutet vor allem, sich von der seit der Renaissance verbreiteten Vorstellung leuchtend weißer Skulpturen und ebensolcher Gebäude zu verabschieden.

Denn: Die Menschen der Antike liebten es bunt. Die deutschen Archäologen Vinzenz Brinkmann und Ulrike Koch-Brinkmann erforschen diesen Aspekt der antiken Kunst seit nahezu 40 Jahren und haben ihre Erkenntnisse nun auch für das US-Publikum in Szene gesetzt. Durchaus passend, schließlich orientierten sich die ideologischen Gründerväter der amerikanischen Demokratie im späten 18. Jh. nicht zuletzt an der damaligen, europäischen Vorstellung der Antike, die der Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann in seinem Buch "Geschichte und Kunst des Altertums" von 1764 festgeschrieben hatte. Wenn er von "edler Einfalt und stiller Größe" sprach, dachte er an die damals bekannten Marmorskulpturen antiker Götter, Herrscher und Heroen, die allesamt kaum noch Reste ihrer ursprünglichen Bemalung trugen.

Die junge amerikanische Demokratie übernahm wenig später dieses Idealbild, und so erstrahlen in der Hauptstadt Washington die Regierungs- und Repräsentationsbauten sowie die Monumentalstatuen amerikanischer Helden weiß. Die Menschen der Antike verzierten ihre Kunstwerke dagegen mit kräftigen Farben und kostbaren Applikationen von Edelmetallen und Schmucksteinen, wie es anhand eines der Highlights der Sonderausstellung in New York besonders deutlich wird: Eine geflügelte Sphinx, halb Mensch, halb Tier, hat goldverzierte Flügel mit blauem und rotem Federmuster, und auch Gesicht und Körper sind farblich gestaltet. Sie zierte einst das Grab zweier junger Leute, die im 6. Jh. v. Chr. verstorben waren. Wer zu jener Zeit eine griechische Nekropole besuchte, erlebte also eindrucksvolle Vielfarbigkeit.

Ähnlich verhielt es sich mit den Friesen an altgriechischen Tempeln und mit Idealstatuen antiker Götter und Heroen: Die Künstler arbeiteten auch dabei mit unterschiedlichen Materialien und Farbstoffen. Die Gesichter, Kopfbedeckungen und Bewaffnung der Dargestellten wurden so zu einem polychromen Blickfang.

Dem heutigen Betrachter mag dieses ungewohnt bunte Erscheinungsbild der griechisch-römischen Antike fremd erscheinen, und doch ist es Teil des Selbstverständnisses jener frühen Hochkulturen auf europäischem Boden, deren zivilisatorische Errungenschaften bis heute nachwirken.