"Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt/irgendeiner hatte ihm eine dunkel-hell lila Aster zwischen die Zähne geklemmt."
Gottfried Benn, der nicht nur Doktor gewesen ist sondern auch Dichter, hat einmal auf die Frage, warum er sich unter allen ärztlichen Möglichkeiten ausgerechnet den Hautarzt ausgesucht hat, gleich mit drei Gründen geantwortet: "Die Patienten rufen mich nie in der Nacht, die Patienten sterben nicht und sie werden auch nicht gesund."
All das kann ich gerne bestätigen. Ich habe zuletzt in Wien sehr lange nach einem Hautarzt gesucht. Ich habe nie in der Nacht angerufen, ich bin daran nicht gestorben, ich wurde aber auch nicht gesund. Die allermeisten Hautärzte, zu denen ich in diesem Sommer Kontakt aufgenommen hatte, bestanden auf Barbezahlung. Die anderen waren im Urlaub. Der Rest hat eine Warteschlange um den halben Häuserblock. In so einer stehe ich gerade. Eh sehr günstig. Vor mir warten acht Patienten. Hinter mir geschätzte fünfzig. Wir warten vor der Tür. Es beginnt leicht zu regnen. Die Ordination wird in einer halben Stunde aufsperren. Drinnen geht das Warten weiter. Dafür regnet es nicht mehr.
"Ich packte sie ihm/In die Brusthöhle zwischen die Holzwolle als man zunähte/Ruhe sanft/Kleine Aster!"
Ich habe mir Lektüre mitgenommen. Goldene Regel: Wer beim Hautarzt im Wartezimmer auf die Lektüre vergisst, den bestraft das Leben mit U-Bahn-Zeitung und medizinischem Fachmagazin.
Die ältere Dame, die schon draußen vor der Tür nervös gewesen ist, fragt im Wartezimmer laut und deutlich und mit dem Akzent der besseren Gesellschaft, ob man sie vorlassen könnte, da sie es doch recht eilig hat. Die einzelnen Antworten gehen im allgemeinen Getuschel unter. Das allgemeine Getuschel sagt nein. Es besteht aus unterschiedlichen Sprachen. Das fällt mir jetzt erst auf.
Als ich keine Lust mehr auf die Gedichte von Gottfried Benn habe, lasse ich meine Gedanken raus. Meine Gedanken wollen wissen, warum ich sauviel Sozialversicherung bezahle und trotzdem immer noch in diesem Wartezimmer sitze. Die Fragen meiner Gedanken sind berechtigt. Aber auch das macht nicht gesund.
Die U-Bahn-Zeitung habe ich schon durch. Der Griff zum medizinischen Fachmagazin wäre die endgültige Niederlage. Irgendwann wird mein Name aus der Wand heraus gerufen. Der Arzt ist entspannt und braungebrannt. Seine Konsultation dauert wenige Minuten. Am Heimweg denke ich ernsthaft darüber nach, ob ich zum Hypochonder neige. Wohl eher nicht. Hypochonder lesen keinen Gottfried Benn.