Der in diesem Frühjahr im hohen Alter verstorbene österreichische Künstler Josef Bauer hat in seinem Werk eine Welt geschaffen, in der die Sprache keine Bedeutung mehr hat, in der die Buchstaben obsolet geworden und zu reinem Dekor verkommen sind. Schönes Beispiel dafür ist ein durchgehend rotes Bild aus dem Jahr 1985, auf dem in blauer Schrift klar und deutlich das Wort "gelb" zu lesen ist. Ich meine, besser kann man den Zustand unseres Lebens dieser Tage kaum beschreiben.

Im neuen Buch von Robert Menasse, das "Die Erweiterung" heißt und wie schon sein Vorgänger "Die Hauptstadt" vom Tun und Treiben der Politiker, Lobbyisten und sonstigen EU-Figuren in Brüssel erzählt, fällt ein Satz, der zwar von Menasse frei erfunden ist, aber trotzdem genauso klingt, als ob er direkt aus der Parteizentrale kommt. Und zwar egal aus welcher Parteizentrale. Der Satz gibt die politische Richtung vor. Er lautet: "Wir halten Kurs, und über das genaue Ziel einigen wir uns später."

Ich war in der Mittelschule für Aufsätze berühmt, die allesamt wunderbare Sätze, aber keinen Inhalt und schon gar keine Aussage hatten. Der Vorteil dabei war, dass ich so rasend schnell zu jedem Thema meinen Senf abgeben konnte. Diese Fähigkeit machte mich nach kurzem Wahlkampf zum Klassensprecherstellvertreter. Ach, wäre ich doch in der Politik geblieben. Gehalt geht vor Inhalt. Ich hätte es weit gebracht mit meinem Lebensstil.

Früher haben wenigstens die ausgiebigen Spaziergänge dazu geführt, dass der Mensch auf andere Gedanken kommt. Aber wenn auf die Pandemie die Klimakrise, die Inflation und das russische Weltreich folgen, dann reicht der Wienerwald nicht mehr aus zur Gemütsberuhigung. Also doch Alkohol und Psychopharmaka? Manchmal wache ich auf in der Nacht und weiß nicht mehr, was los ist und wie es weitergehen soll. Die Medien haben keine Antworten mehr. Die Mitmenschen erst recht nicht. Trotzdem stehen sie auf der Straße und schreien Schlagwörter in die Luft, die nur sie selbst verstehen. Der Inhalt ist überflüssig, der Lärm genügt vollkommen. Vor kurzer Zeit noch hat mich das sehr nervös gemacht. Mittlerweile denke ich, eh wurscht, es geht uns allen so. Dieser Gedanke beruhigt mich. Nur macht das freilich auch nicht froh.