Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.

Ein kleines Buch liegt auf meinem Schreibtisch: "Die Entfremdung ist ein Untermieter der Hoffnung" - Autor Konstantin Kaiser, Verlag Theodor Kramer Gesellschaft. Untertitel: "Lügengedichte und kleine Geschichten".

Warum Lügengedichte? Kann Poesie lügen? Ja, und sie darf das auch. Trotzdem habe ich nachgefragt beim Autor (er und sein Zwillingsbruder, der Maler Leander Kaiser, feierten heuer ihren 75. Geburtstag), und er schrieb mir dazu: "Ich könnte einfach sagen: Die Wahrheit ist ein Prozess, bei dem auch die Lügen mitreden sollen. Aber das wäre gelogen. ,Lügengedichte‘ heißen sie einfach deshalb, weil sie nicht ehrlich sind. Sie hatten ihren Anfang, ihren Keim in einem Bild, im Anklang einer Melodie. Davon gehen sie aus wie ordentliche Gedichte. Dann beginnen sie Leserin oder Leser zu duzen, schwadronieren etwas von einem Wir, versuchen sich in rhetorischen Wendungen und gehen ihre eigenen Wege, geben vor, etwas zu bedenken oder gar zu lehren und halten sich nach Tunlichkeit in einem Schwebezustand über dem Realen. Aufprallen wollen sie nicht ..."

Diese Zusammenfassung ist fast so schön wie das Büchlein selbst. Vor allem das Wort "schwadronieren" hat es mir angetan, obwohl es militärischen Ursprungs ist, den Redestil von Offizieren bezeichnend, die überschwänglich von ihren Heldentaten berichteten. Es ist anzunehmen, dass sie dabei auch logen. Die meisten Menschen lügen - mehr oder weniger oft, mehr oder weniger talentiert, mehr oder weniger abgebrüht. Entgegen Kants konsequenter Ethik, die nicht einmal Notlügen gelten ließ, brauchen wir wohl zumindest die Höflichkeitslüge für den sozialen Zusammenhalt. Wolf Schneider, Sprachkritiker und Bestsellerautor, formulierte es in Anlehnung an Grillparzer so: "Weh dem, der nicht lügt!" Und Dieter Hildebrandt meinte gewitzt: "keine Lüge, sondern sachzwangreduzierte Ehrlichkeit".

Es heißt, wenn Machthaber mit ihren Lügen durchkommen, sei das ein weiteres Zeichen ihrer Macht, vermutlich scheren sich Despoten deshalb so wenig um Glaubhaftigkeit. Dass "Lügen in Zeiten des Krieges" besonders derb und dreist sind, ist ebenfalls eine Wahrheit, der man sich stellen muss. Aber auch die Lüge hat eine Ehre zu verteidigen. Etwa mit Plausibilität, einer gewissen Eleganz und einem Mindestmaß an Einsicht, wenn die Beweise der Unwahrheit auf dem Tisch liegen. Davon ist wenig zu spüren in diesen Zeiten, da Nachrichten oft den Eindruck erwecken, sie kämen aus Absurdistan.

Jenen Menschen, die immer die Wahrheit sagen, ist aber auch nicht zu trauen. Wenn schon im Schwebezustand über dem Realen, dann lieber in Form von Poesie. Also lese ich Konstantin Kaiser und bleibe an einer Zeile hängen, die unser zwiespältiges Verhältnis zur Aufrichtigkeit beschreibt: "Eine halbe Wahrheit, die ich mit anderen teilen kann, ist mir doch lieber als die ganze Wahrheit, die ich für mich behalten muss." Wie wahr!