Letztens habe ich mich dafür starkgemacht, das Plural-n bei Verkleinerungsformen wie "die Schwammerln" beizubehalten. Dazu habe ich viele gescheite Postings und Mails bekommen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Das Thema ist allerdings komplexer, als ich es aus Platznöten damals darstellen konnte.

Es gibt Wörter, die wie Verkleinerungen ausschauen, aber keine sind: die Gabel, der Sessel und viele mehr. Diese hatten schon im Althochdeutschen ein -l. In diesem Fall lautet die Regel: Feminina haben ein -n, damit die Mehrzahl von der Einzahl unterscheidbar ist: die Gabel, die Gabeln; Maskulina und Neutra brauchen das -n nicht: der Sessel, die Sessel.

In der Mundart ist alles anders: Dort haben alle Wörter auf -l ein Plural-n, die echten Verkleinerungsformen und auch jene, die nur so ausschauen: der Engel, die Engeln. Willi Resetarits, der schon vor seinem Tod eine Legende war, sang in einem meiner Lieblingslieder: "I hob 57 Engeln, / de wos schaun auf mi. / I hob 57 Engeln, / es frogts eich, wiaso so vü?/ I sog, 57 Engeln, / des kummt bei mia grod hin."

Leider haben die Engel einmal auf ihn nicht aufgepasst.

Ein Leser meinte, das Wort Schwammerl sei ein schlechtes Beispiel. "Wir essen eine Schwammerlsauce, aber keine Schwammerlnsauce; wer im Wald Pilze sucht, ist ein Schwammerlsucher, kein Schwammerlnsucher."

Das erinnert mich an den Dialog zwischen Karl Valentin und Liesl Karlstadt über "Semmelnknödeln". Karl Valentin bestand auf das n zwischen Semmel und Knödeln, weil man für die Herstellung dieser Knödel mehrere Semmeln benötige. Liesl Karstadt konterte: Es heißt ja auch "die Kartoffelknödeln", nicht "die Kartoffelnknödeln".

Wobei der Ausdruck Knödel eine verflixte Wortgeschichte hat. Es handelt sich de facto um eine echte Verkleinerungsform des mittelhochdeutschen Maskulinums "knote" = Knoten an Fäden, Verdickung an Halmen. Im Standarddeutschen ist das maskuline Genus erhalten geblieben und das Wort Knödel mit dem -l am Schluss wird nicht mehr als Verkleinerung empfunden. In der Mundart ist Knödel hingegen analog zu "das Sesserl", "das Tischerl" ein Neutrum. Daher heißt es in der Mundart: das Knödel, die Knödeln.

Übrigens ist der Liesl Karlstadt in ihrer kabarettistischen Auseinandersetzung mit Karl Valentin zuzustimmen. Es geht nicht um die Frage, wie viele Semmeln zu Knödeln verarbeitet werden, Semmel ist in diesem Fall das Grundmaterial, es kann auch Leber, Gries, Topfen oder sonst etwas sein. Stoffbezeichnungen werden im Singular gebraucht.

Ein mundartlicher Sonderfall sind Wörter wie Ei und Erdäpfel: Da diese meist in einer Vielzahl gekauft werden, wird die Pluralform auch für die Einzahl verwendet.

Der Dialektsprecher sagt also: "Gib ma no a Eia!" Ein Eier! Eine Bäuerin aus Niederösterreich meinte im ORF-Mittagsjournal: "Der Erdäpfel braucht schon eine ordentliche Düngemittelgabe, deshalb sind die Gestehungskosten relativ hoch." Der Erdäpfel! Der Plural lautet in der Mundart: "die Erdäpfeln". Wir essen ein Erdäpfelgulasch, ein Erdäpfelpüree, einen Erdäpfelsalat usw. Erdapfelgulasch wäre eine grausliche Angelegenheit.