Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr endlich wieder unbeeinträchtigt von irgendwelchen Coronaviren die Adventszeit genießen. Endlich wieder den Duft gebrannter Mandeln atmen, endlich wieder mit Freunden beim Glühwein einen Schwatz halten, endlich wieder feine Handwerkswaren für den Weihnachtsbaum und den Gabentisch erstehen. Ja, genau, meine geliebten Weihnachtsmärkte öffnen wieder unbeschwert.

Naja, nicht ganz, die Energiekrise wird wohl einige Bremsspuren hinterlassen. Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die Wiederkehr der Märkte ein wenig reduzierter, bescheidener, gedimmter ausfällt. Der Lichterschmuck nicht ganz so opulent, der Punsch nicht ganz so heiß, statt Mandeln Magenbrot - was soll’s, Hauptsache, dieses Vorweihnachtsgefühl ist endlich wieder da. Bis mir siedendheiß einfiel, dass ja in diesem Jahr alles anders und durcheinander ist: Fußball-WM im Winter!

Zum Glück zum letzten Mal mit nur 32 Mannschaften, in vier Jahren startet dann der Overkill mit sage und schreibe 48 Teams (vielleicht spielt dann ja auch Österreich wieder einmal mit). Dafür in der Fußballhochburg Katar, wo selbst um diese Jahreszeit die Stadien noch gekühlt werden müssen und Homosexualität als Dachschaden gilt ("damage in the mind"), wie uns der WM-Botschafter soeben noch einmal versichert hat; wo Sklavenarbeiter unter Einsatz (und mitunter Verlust) des eigenen Lebens all die schicken Fußballtempel hochgezogen haben und wo die Feudalgesellschaft (samt Dienstboten und Leibeigenen) beklemmende Urständ’ feiert. Aber die FIFA-Herren hatten natürlich keinen "damage in the mind", als sie die WM an diesen absurden Ort vergaben, sondern vermutlich unvermutet ein paar Rolex-Uhren oder sonstige Aufmerksamkeiten im Gepäck.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie die kickenden Herren das machen wollen: vor dem Anpfiff eng umschlungen Kreise bilden, sich bei der Hymne um die Hüften fassen oder Tore in euphorischen Rudeln feiern - Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit sind nämlich verboten und können bestraft werden. Und für ein gutes Zuspiel kurz Daumen hoch ist auch nicht zu empfehlen. Diese Like-Geste gilt im Wüstenemirat als beleidigend.

Für mich persönlich am problematischsten ist, dass an einigen Tagen die ersten Spiele bereits um 11 Uhr vormittags stattfinden. Da bin ich eigentlich noch mit den Wintersportübertragungen beschäftigt. Wobei: Gibt es überhaupt noch regulären Wintersport? Jetzt, da Fußball der neue Wintersport ist. Und die Skispringer inzwischen auf grünen Matten statt Kunstschnee landen. Naja, dann vielleicht halt doch Weihnachtsmärkte. Die sind garantiert echt.