"Es ist, als ob man nur noch die Zeit absitzt bis zum großen Knall." Diesen Satz habe ich unlängst auf Facebook in die Arena geworfen, die Reaktionen kamen prompt und zahlreich. Einerseits mitfühlend ("empfinde ich genauso"), andererseits ablehnend, fast wütend ("absurd pessimistisch"). Ich hatte diesen Kommunikationsbrocken nicht als Flaschenpost abgeschickt, um Trost und Rat zu erheischen, sondern eher als Momentaufnahme und spontane Stimmungsnotiz an mich selbst. Aber selbst meine Freundin verstand es als virtuellen Tagebucheintrag einer depressiven Phase. "Muss ich mir Sorgen machen?", fragte sie nach der Lektüre. Ich verneinte.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
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Aber, ja, ich kann nicht so tun, als wäre nichts. Wir stecken alle in der Krise. Manche knietief, andere bis zum Hals. Man kann sich an den alten Revolutionär Antonio Gramsci erinnern, der einst - aus dem Gefängnis heraus, in das ihn Mussolinis Schergen gesteckt hatten - postulierte: "Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann". Dabei stirbt das Alte gar nicht, sondern steht immer wieder auf: Die gerade angelobte italienische Regierungschefin Giorgia Meloni erinnert sich an den Duce als "vielschichtige Persönlichkeit" (was hätte Gramsci dazu bemerkt?), ihre Partei hat demonstrativ Mussolini-Enkel und -Urenkel zur Wahl gestellt. Was und wo wäre also das Neue, das nicht und nicht geboren werden kann?

Ich will es beim Namen nennen: eine neue Weltordnung. Der große Reset. Bevor Sie mich jetzt umgehend zum Verschwörungstheoretiker erklären, der einem Narrativ von Narren, Esoterikern und Ultrarechten auf den Leim gegangen ist, gestatten Sie den Hinweis: rein von der wörtlichen Bedeutung her meint das nicht mehr (aber eben auch nicht weniger), als dass nichts bleiben wird, wie es war. In einem globalen Maßstab. Mit der ominösen "New World Order" von Trump-Anhängern hat eine solche Zäsur nur insofern zu tun, als diese abergläubige Bevölkerungsschicht auch existent und damit ein Faktor im Ringen um eine lebenswerte Zukunft ist. Und letzteres ist, was uns gerade alle bewegt: Die Frage, ob es diese Zukunft noch geben kann. Und geben wird. Trump (wahlweise: Biden), Xi, Putin, Meloni, Orban & Co. sind - stellvertretend für die Mächtigen der Welt - gar nicht mehr die entscheidenden Figuren auf dem Schachbrett, so sehr wir immer noch an alte Machtverhältnisse glauben mögen. Eine radikale Zeitenwende, eine nie dagewesene Bedrohung in Form einer nicht (oder vielleicht nur über Jahrhunderte hinweg) umkehrbaren Klimakatastrophe wird, wenn die Wissenschaft recht behält, ein komplettes Neudenken zugleich erfordern und erzwingen. Das ist eventuell die gute Botschaft. Die schlechte ist: Wir haben keine (oder zumindest nur unzureichende) Antworten auf die drängendsten Fragen, die sich auch ohne unser Zutun stellen. Das ist die Grausamkeit des Status Quo: niemandem kann verborgen geblieben sein, dass sich etwas zusammenbraut (dazu bedarf es keiner beschütteten Bilder und beklebter Straßen mehr), kein Mensch unter nunmehr acht Milliarden hat aber wirklich und allseits überzeugende Gegenmittel, Techniken, Lösungen, Visionen in der Schublade. Oder?

Bleibt bis auf weiteres nur, Gramsci in Ehren zu halten. Er sprach in aussichtsloser Lage vom "Pessimismus des Verstands, Optimismus des Willens." Also.