Schon öfter wollte ich etwas über ihn schreiben, aber es ist mir immer ein anderes Thema dazwischengekommen. Jetzt war der sogenannte Black Friday ein Anstoß. Die aufdringliche Bewerbung von Prozentaktionen in den klassischen Medien und im Internet nervt mich - deshalb hat mir auch die Anti-Werbung, die eines Tages hereingeschneit kam, gut gefallen: Von mir bekommt ihr am Black Friday keine Rabatte, aber kauft meine Produkte, es sind ideale Weihnachtsgeschenke!

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Der Absender dieser Botschaft war Andreas Rainer. Er arbeitete als Marketing Director für eine US-amerikanische Social-Media-Plattform, beschloss jedoch eines Tages, diese Karriere hinter sich zu lassen und die Instagram-Seite "Wiener Alltagspoeten" zu gründen. Dort publiziert er Dialoge aus dem Alltag Wiens, übrigens genauso auf Facebook.

Der Ansatz erinnert mich an Joseph Beuys: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Auch für Andreas Rainer steckt in jedem Menschen schöpferische Kraft und Kreativität, jeder Wiener ist ein Alltagspoet. Man muss halt zuhören: in der Straßenbahn, in der U-Bahn, im Bus, im Supermarkt oder im Spital. Patientin in der Klinik Ottakring: "Wissen Sie, ob mein Gips heute runterkommt!" Krankenpflegerin: "Ich weiß ned amoi, wie Sie heißen." Eine Werberin auf der Mariahilfer Straße: "Bist du aus Wien?" Passantin: "Nein." Werberin: "Man merkts, du bist nämlich ur lieb."

Die Dialoge sind äußerlich betrachtet amüsant, aber viele haben einen sentimentalen Kern. Einem älteren Herrn fällt beim Müller der Einkauf hinunter: "Früher hätt ich gesagt, heut ist nicht mein Tag. Aber mittlerweile weiß ich, es ist einfach ned mei’ Leben." Treffen sich in der U4 zwei Kollegen: "Du, wir müssen aber ned miteinander reden, wennst ned magst." - "Super, danke dir!" Kaffeeverkäufer am Schottentor: "Guten Morgen." Kunde: "Ned frech werden."

Eine extreme Verknappung, Doppeldeutigkeiten, sprachspielerische Elemente, eine überraschende Wende am Schluss - das alles erinnert an die Technik von Witzen. WG im 4. Bezirk: Mitbewohnerin eins: "Da gibt’s nix Gscheids um die Uhrzeit." Mitbewohnerin zwei: "Bist grad auf Tinder oder Mjam?" Als Pointe die überraschende Erkenntnis: Im Internet kann man einen Sexpartner wie ein Essen bestellen.

Oft entsteht ein merkwürdiger Gegensatz zwischen Form und Inhalt: Kassiererin im Spar, Mauerbach: "Die 25-Prozent-Pickerln gelten nur beim Billa Plus." Kunde: "Da steht aber auch beim Billa." Kassiererin: "Sie san aber beim Spar." Ich stelle mir eine ärmlich gekleidete ältere Person vor, die sich in unserer rabattdurchtränkten Konsumwelt nicht mehr zurechtfindet.

Die Dialoge gibt es auch zu kaufen: Sie finden sich einzeln auf Leiberln, Heferln und Postkarten, gesammelt auf Kalendern und in Büchern. Wer sie nicht im Internet auf wieneralltagspoeten.at bestellen will, kann sie auch im SASU-Design-Store in der Singerstraße 27 erwerben.

Zum Abschluss ein Dialog aus einem legendären Gasthaus, das auch ich schätze und öfters besuche, es ist "der Peschta", gleich neben dem Rapid-Stadion: Deutscher Tourist: "Ein Schnitzel mit Tunke, bitte." Kellner: "Und glei wieder ausse!"