Deutschland scheidet nach der Vorrunde aus und fährt nach Hause. Eine Blamage. Doch es gibt Trost: Den schon in den ersten Tagen der WM in Katar eroberten Titel eines Moralweltmeisters kann den Deutschen niemand mehr nehmen. Mit mächtigen Symbolen wie zugehaltenen Mündern, nicht getragenen Liebesbinden und bunt bemalten Flugzeugen demonstrierte die Mannschaft des Weltgewissens gegen Zustände in Katar, die bekannt sind, seit vor über zehn Jahren dieses Sportspektakel unter dubiosen Umständen an den Golfstaat vergeben worden war. Erst neulich bettelte der grüne deutsche Wirtschaftsminister in Katar um fossile Brennstoffe. Nach dem Anpfiff schleicht sich Unbehagen ein: Diese WM ist ein Skandal!

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Auch jenseits der Stadien überlegen manche Gesinnungskünstler ernsthaft, ob sie gegen die Ballkünstler nicht die schärfste Waffe einsetzen sollten: den Boykott der Spiele. Nicht zusehen! Offenbar hofft man, dass ölschwere Autokraten sofort abdanken, wenn sich sensible Gemüter die spannenden Partien entgehen und ihr TV-Gerät links liegen lassen. Das bringt vor allem deshalb wenig, weil wir nach einem Wort des vor kurzem verstorbenen Großintellektuellen Hans Magnus Enzensberger den Fernseher ohnehin nur einschalten, um abzuschalten.

Das Entsetzen über die Spiele erstaunt. Es stimmt: Das Spektakel dient zur Imagepolitur eines reaktionäres Regimes; aber es bewegt sich auf der Höhe der Zeit. Deren Geist ist doch wesentlich vom Gedanken bestimmt, dass es keine natürlichen Grenzen gibt und allen alles zusteht. Warum sollte man es reichen Wüstenbewohnern verübeln, ein kleines Wintermärchen zu inszenieren? Nur weil die entsprechende Tradition fehlt? Oder aus europäischer Perspektive die Jahreszeit nicht passt? Ziemlich arrogant! Abgesehen davon: Ist das Festhalten an Althergebrachtem nicht überhaupt reaktionär? Und zudem lernt man so nebenbei zukunftsträchtig, wie man große Arenen klimatisiert. Selbst die bizarre Rede des Fifa-Präsidenten stolperte durch woke Dünen: Sich pathetisch mit allen denkbaren Minderheiten zu solidarisieren und Europa für 3.000 Jahre Unterdrückung verantwortlich zu machen, gehört längst zum guten Ton.

Man muss es zur Kenntnis nehmen: Fußball ist zu einem weltumspannenden Geschäft geworden, und die Scheichs und Investoren der Ölstaaten spielen dabei eine herausragende Rolle. Die Aufregungen sind aber noch von weiteren Paradoxien gekennzeichnet. Die für aufgeklärte Menschen anstößigen Sittengesetze der muslimischen Golfregion, die zum Gegenstand der Besorgnis avancieren, gelten auch in vielen Immigrantenvierteln europäischer Städte. Wer dies kritisiert, gilt als islamophob. Wer Ähnliches in einer deutschen Talkshow wohlfeil gegenüber Katar äußert, hält sich für einen Helden. Werch ein Illtum! Angesichts der Anstrengungen, die wir ansonsten unternehmen, um Offenheit gegenüber allen religiös motivierten Sozialordnungen zu demonstrieren, wirkt die ins Wüstenstadion eingeschmuggelte Regenbogenfahne doch ziemlich unglaubwürdig.

Einige österreichische Schulen überlegen, ihre Adventfeiern so weit zu entkernen, dass niemand mehr an den damit verbundenen christlichen Botschaften Anstoß nehmen muss. Aus der Weihnachtszeit soll ein säkulares "ethisches Ritual" werden. Das gemeinsame Anschauen der WM könnte dafür einen sinnigen Leitfaden abgeben: Bestechlichkeit als Geschäftsgrundlage, Protest als billige Show, Empörung als universale Maxime, Heuchelei als ehernes Prinzip - und, wenn die Fußballgötter gnädig gestimmt sind, Gerechtigkeit am grünen Rasen: Mehr an moralischen Einsichten können die Kleinen für ihr Leben gar nicht mitnehmen.