Am vergangenen Mittwoch soll es passiert sein. Im ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschuss war der niederösterreichische VP-Landesgeschäftsführer als Auskunftsperson geladen. Er soll seinen Auftritt mit einem "Grüß Gott" begonnen haben. Darauf habe der SPÖ-Fraktionsführer Jan Krainer gemeint, in Wien heiße das nicht "Grüß Gott", sondern "Guten Tag".

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Ein Redakteur des Privatsenders "Puls 4" fragte mich, was davon zu halten sei. Ich sagte: "Da tu’ ich mir schwer, ich war nicht dabei." Hat der VP-Politiker provokant in der Grußformel das Wort "Gott" betont? Was genau hat der Sozialdemokrat gesagt? War es scherzhaft gemeint, vielleicht mit einem Augenzwinkern?

Am Tag nach der Ausschusssitzung entschloss sich ein VP-Politiker aus St. Pölten, Flagge zu zeigen. "Wir in Niederösterreich lassen uns von der SPÖ das ,Grüß Gott‘ nicht verbieten", donnerte er auf Twitter. Doch die Medien reagierten nicht. Die ÖVP musste am Wochenende mit einer Aussendung aus der Steiermark nachlegen, und die Bundes-VP wies in einer Stellungnahme darauf hin, dass der Vorname Jan, eine skandinavische Variante von Johannes, so viel wie "Gott ist gnädig" bedeute. Das ist sachlich richtig, aber in diesem Zusammenhang eher skurril.

Auf Twitter fielen die Reaktionen für die ÖVP verheerend aus, zu offensichtlich war es ein plumpes Ablenkungsmanöver von den zahlreichen Korruptionsvorwürfen. Jan Krainers eher harmlose Bemerkung wurde von Internet-Usern mit der Floskel "Rotes Gesindel" von Johanna Mikl-Leitner kontrastiert, wofür sie sich später entschuldigt hat, und ein VP-Grande, der sich jetzt echauffiert, bezeichnete einst die SPÖ-Politiker als "rote Gfrieser". Der eine oder andere Poster wies darauf hin, dass er auf dem Land heftig gemaßregelt wurde, wenn er nicht mit "Grüß Gott" gegrüßt hatte.

Dass die Formel "Grüß Gott" einen religiösen Hintergrund hat, ist in der Alltagskommunikation weitgehend verblasst. Wer stattdessen "Ich grüße Sie" oder "Grüssi" sagt, ändert im Kern nicht viel. Selbst in "Pfiat di’" ist das Wort "Gott" mitzudenken.

Manche reagieren auf "Grüß Gott" mit der Zurechtweisung: "Grüßen Sie nicht Gott, sondern lieber mich!" Das ist unhistorisch. Im Mittelhochdeutschen hat "grüßen" auch so viel wie "zuwenden" und "segnen" bedeutet. Gemeint ist also: Gott möge dich segnen! Gott möge mit dir sein!

Unsere Kultur ist eine christliche, dagegen kann und will ich mich auch als Agnostiker nicht wehren. Wenn ich grüße, verwende ich manchmal "Grüß Gott", manchmal "Guten Tag", manchmal "Hallo". Oder eine Kombination: "Hallo, Grüssi!" Die Grußformel "Hallo" ist übrigens nicht aus dem angloamerikanischen Raum importiert. Im Althochdeutschen ist das Wort als Imperativ des heutigen Verbs "holen" belegt, es war ein Zuruf an den Fährmann, eigentlich ein "hol über".

In den 1920er Jahren wäre der Streit "Grüß Gott oder Guten Tag" für einen Politskandal tauglich gewesen, hundert Jahre später lockt man damit keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig hat auf den "Skandal" nur indirekt, aber bemerkenswert reagiert: Er begrüßte in der sonntäglichen "Pressestunde" die Zuschauer demonstrativ mit "Grüß Gott und einen schönen guten Morgen!".