Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. 
- © Robert Newald

Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.

- © Robert Newald

Jetzt ist also auch Karl Merkatz im Schauspielerhimmel angekommen. So vielfältig sein Repertoire, so feinsinnig er selbst auch war - den Edmund Sackbauer wurde er zeitlebens nicht los. Und nicht nur er. Als ich Ende der 1970er Jahre für eine Zeit nach Innsbruck übersiedelte, wurde ich mehr als einmal gefragt, ob die Wiener denn wirklich so ordinär schimpften wie der besagte Elektriker aus Favoriten. Eine Frage, die ich angesichts der im heiligen Land üblichen Redewendung "Bischt a Tiroler, bischt a Mensch, bischt koa Tiroler" et cetera et cetera doch recht kühn fand.

Anfangs sprach ich, um nur ja nicht in die Nähe des Herrn Sackbauer gerückt zu werden, Hochdeutsch, was meine Lage jedoch nur kurzfristig verbesserte: Wurde ich ob des fremdartig klingenden Idioms nach meiner Herkunft gefragt, war das Versteckspiel schon wieder beendet. "Aha, a Mundl", hieß es dann umgehend. Zum Glück verliefen nicht alle Kontaktaufnahmen so desaströs. In meinem Arbeitsumfeld war ich wohl gelitten, eine Ausnahme bildete anfangs mein Vorgesetzter. Es hatte sich bis zu ihm herumgesprochen, woher ich stammte, und so empfing er mich an meinem ersten Tag ohne weitere Einleitung mit den Worten: "Wenn Sie glauben, dass Sie, weil Sie aus Wien kommen, g’scheiter sind als wir hier in Tirol, dann sag ich Ihnen: Sie haben sich getäuscht!"

Nach einer Schrecksekunde versicherte ich wahrheitsgemäß, dass mir ein solcher Gedanke noch nie gekommen sei, fragte mich jedoch insgeheim, was den Mann wohl zu dieser Feststellung trieb. Nach kurzer Zeit entpuppte er sich aber als äußerst angenehmer Chef mit sehr menschlichen Zügen. In der Folge lernte ich die durchaus netten Seiten Tirols kennen und fuhr - ich war im Winter gekommen und zog im Frühling wieder nach Wien - so viel Ski wie in meinem ganzen Leben nie wieder.

Mehr als vierzig Jahre später sitze ich in einem Wiener Innenstadt-Café, als ein Ehepaar samt einer zugehörigen Freundin am Tisch neben mir Platz nimmt. Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass alle drei aus Tirol stammen. Im Laufe der Unterhaltung erwähne ich, dass ich eine Zeit lang in Innsbruck gelebt habe. Auf die Frage, wie es mir dort ergangen sei, komme ich nicht umhin, auch von dem eigenartigen Empfang bei meinem Chef zu berichten, lasse jedoch seinen Namen unerwähnt. Als eine der beiden Damen mich fragt, ob ich seinerzeit einen Herrn Soundso kennengelernt hätte, da dieser doch in derselben Organisation wie ich gearbeitet habe, bejahe ich. Sie sei nämlich mit der Ehefrau dieses Mannes gut befreundet.

Wenig später verabschieden wir uns herzlich, und ich verspreche, wieder einmal nach Tirol zu kommen. Dass der bewusste Herr, mit dessen Gattin die eine der beiden Damen freundschaftlichen Umgang pflegt, derselbe ist, der mich seinerzeit so bestimmt in die Schranken wies, habe ich unerwähnt gelassen. Das hätte Edmund Sackbauer nicht getan, Karl Merkatz wahrscheinlich schon.