Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Mir ist aufgefallen, dass die Welt, vor allem die Welt der Literatur, voll ist von kurzen Geschichten. Und damit schließe ich an die letzte Kolumne an, die Experten-Flut betreffend, gipfelnd im typisch österreichischen Typus des Kaffeehaus-Experten für eh alles.

Es scheint nun so, dass diese Experten alle von Verlagen vorgegebenen Buchumfänge sprengen würden, wenn man sie nur ließe, weil sie ja alles wissen. Deshalb verfallen sie auf einen schlauen Trick, der sie vor der Kritik schützt, das sei ja wohl alles etwas verkürzt und oberflächlich, was sie da von sich geben. Dieser Kritik begegnen sie etwas beleidigt mit der Rückgabe des Arguments, in dem sie den Leser, respektive die Leserin zeihen, keine ausführlichen Bücher mehr lesen zu wollen. Und so stellen sie allem, was sie der Öffentlichkeit mitteilen wollen, im Titel ihrer voluminösen Bücher die Relativierung "eine kurze Geschichte" voran.

Nun stellt sich sicher auch die Henne-oder-Ei-Frage der Kausalkette, ob die Leserschaft deshalb vielleicht nichts Ausführliches mehr liest, weil sie durch die Flut von Büchern, die eine kurze Geschichte von irgendwas aufrollen, daran gewöhnt ist, oder umgekehrt. Irgendwann ist es ja egal, und die Verlage buhlen mit Versprechen, dass alles bequem und kurz ist, auch wenn die Abhandlungen in unvorstellbare Vergangenheiten reichen. Stephen Hawkings "Eine kurze Geschichte der Zeit" etwa, oder "Eine kurze Geschichte der Trunkenheit", immerhin von der Steinzeit bis heute.

Mark Forsyth heißt der Autor, der "eine feuchtfröhliche Kulturgeschichte des Betrunkenseins" verspricht, und "warum wir evolutionär danach streben, dem Alkohol zuzusprechen". Mit Evolutionstheorie lässt sich ja alles bequem verkürzen. Weit zurück weist auch die (so jedenfalls übereinstimmend der größte Teil der ernst zu nehmenden Literaturkritik) zum Weltbestseller hochgepushte Trivialstory "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Noah Harari - übrigens auch ein Experte für eh alles, nur dass er nicht im Kaffeehaus in Wien residiert. Ein Autor namens Michael Engelbrecht steuert als spezielle Perspektive "Eine kurze Geschichte der nordischen Welt von der Eiszeit bis heute" bei. Und der Star-Ökonom Thomas Piketty fokussiert das Ganze dann noch einmal mit "Eine kurze Geschichte der Ungleichheit". Noch spezieller wird’s in "Eine kurze Geschichte des Wanderns" von Dirk Schümer.

Man sieht, dass auch sehr spezielle Themen lange Geschichten haben, die die Autoren ihrer Klientel nicht zumuten wollen. So verfügen wir nun weiter über "Eine kurze Geschichte" der Mathematik, des Internets, des Rades, des menschlichen Körpers, des Romans, des Universums, des Geldes, des systemischen Denkens und was weiß ich alles, beziehungsweise nicht. Daher soll es damit sein Bewenden haben. Denn würde man das Phänomen ausführlich angehen, dann entstünde bei der Bestandsaufnahme des "Kurze Geschichte"-Genres eine sehr lange Geschichte.