Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Vor drei Jahren, als es noch üblich war, mit allen möglichen Leuten auf dem Kirchplatz zu plaudern, hatte unser Pfarrer erzählt, dass er als Bub einer Familie im Tiroler Unterland den Adventkranz immer selber und selbstverständlich ohne Zuhilfenahme eines Rohlings gemacht habe. Daran habe ich mich heuer erinnert, als der Restbestand der Kränze, die ich käuflich hätte erwerben können, allzu schaurig schien.

Also gingen mein Mann und ich zu unserer Tanne oberhalb vom Haus und studierten die unteren Äste. Nach einiger Zeit hatten wir einen gefunden, der dicht genug bewachsen und zugleich dünn und biegsam genug schien, dass wir uns Hoffnungen machen konnten, ihn tatsächlich zu einem Kreis zu formen. Wir strengten uns an, bogen den Ast zusammen und schließlich gelang uns das Kunststück, wenngleich das ideale Rund nicht erreicht wurde. Stattdessen zeigt unser Kranz ein exzentrisches Oval.

Nach zwei Tagen sahen wir, wie das Holz begonnen hatte zu "arbeiten": Der Tannenkranz wölbte sich an der einen Seite hinauf und auf der gegenüberliegenden hinunter. Es sah ein bisschen wie beim Rodeo aus, als ob der Kranz die Kerzen abwerfen wollte. Wenn wir die Kerzen anzünden, behalten wir folglich den Kranz im Auge.

Unsere Tanne ist ein riesiger Baum, welcher Art sie genau zuzurechnen ist, wissen wir nicht. Ausschließen können wir nur, dass es sich um eine Nordmanntanne handelt. Denn die Nordmanntanne, auch Kaukasus-Tanne, ist in unseren Breiten deshalb als Christbaum üblich geworden, weil sie kaum Nadeln verliert. Das stimmt für unseren Kranz nur bedingt.

In meiner Kindheit hatten wir kaum Adventkränze, und der Christbaum war eine Fichte: Das war ein Gebrösel von der ersten Sekunde an. "Bessere Leute" hatten wohl damals schon Tannen. Allerdings lehrt mich unser heuriger Adventkranz: Tanne ist nicht gleich Tanne. Lässt man den Kranz unberührt, verliert er zwar kaum Nadeln, wird er aber nur sachte auf seiner Unterlage ein Stück weiter geschoben, dann fallen nicht nur Nadeln, sondern es brechen gleich alle möglichen Zweiglein. Wenn wir nicht Buchs dazugebunden hätten, wäre er stellenweise schon ein bisschen kahl. Das ist bei der Nordmanntanne ganz anders. Selbst wenn sie bis zum 6. Jänner staubtrocken geworden ist, behalten die Zweige im Vergleich zu unseren hier etwas Biegsames.

Die Nordmanntanne fühlt sich bei uns im Wald nicht wohl, weil die Winter im Gebirge zu kalt und zu schneereich seien, meint Wikipedia. Als Weihnachtsplantagenbaum gedeiht sie allerdings prächtig. Unser heuriges Exemplar kommt jedenfalls wieder aus dem Tiroler Unterland. Je größer die Kinder werden, desto kleiner wird offenbar der Christbaum.