Kunst, Baby! Plötzlich stutzt man beim Betrachten des Bildes: Es zeigt eine Person, sie könnte glatt man selbst sein, aber, halt!, irgendetwas stimmt nicht. Die Arme sind unnatürlich lang, verbogen, gleichsam verwurschtelt. Und die Hände haben mehr Finger, als die Natur uns in der Regel beschert, sechs, sieben an der Zahl, oder noch mehr, ein ganzes Knäuel an Gliedmaßen. Eventuell gar zusätzliche Hände oder Beine . . . Die Surrealisten hätten eine wahre Freude daran gehabt!

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Wenn Sie nun nach der Künstlerin oder dem Künstler fragen, den Urhebern der seltsamen Bilder, lassen sich nur die Namen von Programmen und Plattformen nennen, Dall-E etwa, Midjourney oder Stable Diffusion, oder auch Apps wie Lensa oder My Heritage. Es sind Maschinen, die hier am laufenden Band Kunst produzieren (oder zumindest Kunstähnliches), nicht mehr Menschen. Sofern man Künstliche Intelligenz und spezialisierte Algorithmen, die Nullen und Einsen wie Puzzlesteine zusammenfügen, als Maschinen lesen will - sie benötigen jedenfalls Strom und Rechenleistung.

Träumen Roboter von elektrischen Schafen? Wir kommen der Antwort auf diese Frage, die der Science Fiction-Autor Philip K. Dick einmal gestellt hat (und die den Titel des Romans lieferte, der als "Blade Runner" verfilmt wurde), mittels KI-Kunst näher. Es sind luzide, albtraumartige Bilder mit "typischen" Fehlern, die der maschinellen Fantasie entspringen, genährt von realen Vorlagen und der gesamten Kunstgeschichte der Menschheit, die man - quasi als Inspiration - katalogisiert und eingespeichert hat. Auf Knopfdruck oder auf explizite Stichworte hin liefert die App dann z.B. Porträts, die einen im Stil von Van Gogh zeigen, von Picasso oder jenem mittelalterlicher Meister, ganz nach Belieben. Auch Daguerrotypien werden ausgeworfen oder futuristische Entwürfe, die ein Raumschiff-Ambiente imaginieren oder den Auftraggeber als Androiden. Was für ein Spielzeug!

Irritiert zeigen sich freilich nicht gerade selten Frauen, wenn sie comic- und klischeehaft als laszive Sexbomben inszeniert werden - so fühlte sich etwa die "Futurezone"-Autorin Barbara Wimmer in einem Test des KI-Programms Lensa zur "Wichsvorlage" herabgewürdigt. Und empfahl dringend, die App zu meiden. Freilich siegt vielfach die Neugier.

Was sich zu KI-Kunst abseits der Spielzeug-Ebene zum jetzigen Zeitpunkt - sie bewegt sich ja noch in ihren Kinderschuhen - sagen lässt, ist jedenfalls: Sie löst Emotionen aus. Viele lehnen sie ab, teils heftig, weil sie eine Ahnung davon in sich trägt, dass der Mensch eventuell nicht das Maß aller Dinge ist. Andere finden automatisierte Kreativität aufreizend, ja regelrecht zur Kollaboration einladend, weil sie ein Fenster in die Zukunft öffnet (immerhin sind noch keine Fälle bekannt, wo Roboter ihre eigenen Werke aus Protest mit Suppe oder Öl bekleckern). Wird man also einst, sofern noch Galerien existieren, Bilder ausstellen mit dem Hinweis "Handgefertigt von echten Menschen"?

Sollte man Ihnen als potentiellem Käufer dazu, quasi als Beweis, ein Bild des Künstlers oder der Künstlerin liefern, seien Sie auf der Hut: Künstliche Intelligenzen schaffen schon heute - werfen Sie einen Blick in Google! - "People That Don’t Exist".