Am 17. Dezember jährte sich zum 30. Mal der Todestag des großen Philosophen und Schriftstellers Günther Anders. Geboren im Jahre 1902 als Sohn des Psychologenehepaars Clara und William Stern in Breslau, studierte Anders bei Edmund Husserl und Martin Heidegger, war kurz und unglücklich in erster Ehe mit Hannah Arendt verheiratet, musste vor den Nazis nach Paris, dann in die USA fliehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, noch unter dem Schock von Auschwitz und Hiroshima, ließ sich dieser unbestechliche Geist in Wien nieder. Wie kaum ein anderer Denker hat Anders die fatalen Seiten der modernen Zivilisation zu seinem Thema gemacht. In seinem Hauptwerk, den zwei Bänden der "Antiquiertheit des Menschen", analysiert er rücksichtslos eine gesellschaftliche und technologische Entwicklung, in der das Humanum zunehmend zur Disposition steht. Aktueller könnte kein Autor sein. Doch weder die akademische Welt noch das Feuilleton erinnern gerne an ihn. Dies erstaunt, zumal erst kürzlich originelle Schriften zu Kunst und Film sowie Briefwechsel mit Intellektuellen wie Theodor Adorno, Herbert Marcuse oder Ernst Bloch aus Anders’ Nachlass herausgegeben wurden. Solch eine Ignoranz ist kein Zufall.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Zum Verhängnis wurde Anders seine radikale Scharfsichtigkeit. Bis heute wirken seine Reflexionen ebenso verstörend wie seine kompromisslose Sprache. Die Grundthese, die kaum jemand teilen will, lautete: Die Tendenz aller technologischen Innovationen zielt darauf ab, den Menschen überflüssig zu machen. Zwischen Mensch und Technik herrscht ein "prometheisches Gefälle": Wir hinken den von uns geschaffenen Maschinen nach, sind ihnen ausgeliefert, gehorchen ihren Imperativen. Im Bau nuklearer Massenvernichtungswaffen und in der damit möglich gewordenen Auslöschung der Gattung sah Anders die äußerste Zuspitzung dieser Dynamik. Ein Leben lang schrieb er dagegen an.

Günther Anders hat sich dem Fortschrittsoptimismus der Moderne schlicht verweigert. Er zweifelte daran, dass Technik an sich neutral und nur ihr Missbrauch gefährlich sei. Jede Technologie entwickelt nach Anders ihre eigene Logik, der sich alle unterwerfen müssen, die sich darauf einlassen. Wer wir sind, wird durch die Geräte bestimmt, die wir benutzen. Schon früh hatte er das am Beispiel der Television demonstriert: Dieses Medium liefert prinzipiell Phantombilder, stets oszillierend zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Sein und Schein. Der dadurch bedingten Verfälschung kann weder der Fernsehmacher noch der Konsument entgehen. Unabhängig von unserer Einstellung korrumpiert der Bildschirm unser Verhältnis zur Welt.

Solche Einsichten erlaubten es, Debatten über Fake-News und digitale Plattformen unter ganz anderen Gesichtspunkten zu sehen. Doch wir halten lieber an der Illusion fest, dass es doch so etwas wie anständige Journalisten und Faktentreue in den Medien geben muss. Anders machte Ernst mit der Einsicht, dass wir von Systemen und nicht mehr von Menschen beherrscht werden. Die Technik, so eine seiner Provokationen, ist das neue Subjekt der Geschichte. Sie ist unser Schicksal. Die Anhänger der Künstlichen Intelligenz verkünden Ähnliches - allerdings nicht mit Entsetzen, sondern mit glänzenden Augen.

Anders wollte sich gegen dieses Schicksal noch auflehnen. Als Philosoph, der schärfer als andere dachte, wusste er jedoch, dass es keine guten Gründe dafür gibt, warum wir überhaupt sein sollen. Sein hartnäckiges Plädoyer für den Menschen in all seiner Fehlbarkeit und Endlichkeit war Ausdruck einer "eisernen Inkonsequenz": Die Menschheit retten zu wollen, ist logisch nicht zu argumentieren. Wir ahnen, warum Günther Anders vergessen werden musste.