Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.

"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit", klingt es stimmungsvoll aus dem Radio, aber jemand in der Wohnung ruft: "Tür zu, es zieht, und die Fenster beim Lüften nicht so lange offen halten, denkt ans Energiesparen!"

In den Adventkalendern sind nun alle Fenster geöffnet und die Bildchen symbolisieren lauter Nieten, denn statt an die Ankunft der erlösenden Herrlichkeit zu glauben, setzten wir unsere Hoffnungen auch diesmal wieder auf das materielle Glück. Im Schokokalender immerhin war jedes Türchen ein sicherer Treffer, aber der Rubbel-Adventkalender der Österreichischen Lotterien entpuppte sich in unserem Haushalt als eine Chronologie der Enttäuschung. Es fehlen uns fünf Sterne für 100.000 Euro, für einen Gewinn von 1.000 Euro mangelt es an drei Weihnachtsmännern und nicht einmal für den Trostpreis von zehn Euro hat es gereicht. Jetzt sind die Chancen verspielt und uns wird klar, wie sehr wir daran gewöhnt sind, in Mängeln zu denken: Es hat wieder nicht gereicht für vieles, was wir uns für dieses Jahr vorgenommen, was wir gewünscht und erhofft haben.

Während ich die Fenster schließe, damit sich die Kälte nicht in den Zimmern breitmacht, denke ich an die Eisblumenfenster meiner Großmutter, als wegen der schlechten Dämmung das Kondenswasser an den Innenscheiben gefror. "Der Frost haucht zarte Häkelspitzen / perlmuttergrau ans Scheibenglas ...", schrieb die jüdische Dichterin Mascha Kaléko, die 1938 mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn von Berlin nach New York floh. Ihr Adventgedicht entstand im Exil, wo sie in ihrem Tagebuch notierte: "Es wird immer schlimmer. Wir sind ohne Geld. Ohne Freunde. Ohne Verbindungen. Ohne Hoffnung." Ohne Strom, ohne Licht, ohne Wärme, ohne fließendes Wasser, könnten viele Menschen heute anfügen, die durch zerborstene Fensterscheiben auf ihr kriegsgeschundenes Land blicken. Wer könnte es ihnen verdenken, wenn sie ihr Leben in Verlusten bemessen!

Wie viele Sterne fehlen uns für einen hohen Gewinn? Egal! Es ist auch egal, ob wir in unserer privilegierten Situation das Glas mit dem Weihnachtspunsch als halb leer oder halb voll betrachten, denke ich weihnachtsselig, als es an der Tür läutet. "... der Postbote kann es nicht sein", vermerkte Mascha Kaléko, die wegen ihrer Fluchterfahrungen noch in ihren späteren Jahren bei jedem Klingeln hochschreckte.

Es ist auch bei uns nicht der Postbote, vielmehr steht "Weihnachten" vor der Tür: In Person des afrikanischen Studenten, der uns seit Jahren besucht, um uns ein frohes Fest zu wünschen. Er hat uns früher auch erwartungsvoll strahlend ein gutes neues Jahr, frohe Ostern und mitunter einen schönen Sonntag gewünscht, bis wir vereinbarten: Ostern und Weihnachten genügt. Wir empfinden ihn mittlerweile mit seinen guten Wünschen als Glücksbringer - und für ihn ist unsere Tür am Vormittag des 24. Dezember ein sicherer Treffer.