Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Was wäre die Welt ohne uns Deutsche! Gerade haben wir uns in Katar als Obermoralapostel blamiert und sind vom lieben Gott prompt für unser arrogantes, neokoloniales Auftreten bestraft worden: Aus in der Vorrunde, und dann hat sich auch noch Kapitän Manuel Neuer beim anschließenden Kopffreikriegen das Bein gebrochen. Vielleicht konnte er es ja mit Hilfe der One-Love-Binde gleich vor Ort stabilisieren. Aber wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, darum genug der Schadenfreude.

Womit wir beim Thema wären. Denn ohne uns Deutsche bzw. unsere Sprache gäbe es auch in anderen Sprachen ganz wichtige Wörter nicht. The German Angst ist auch im Englischen geläufig, genauso wie Kindergarten oder Rucksack, Gemütlichkeit oder Wanderlust. Und eben auch die germanische Schadenfreude, die - aufgepasst! - als deutsches Lehnwort im Englischen, Französischen, Italienischen, Spanischen, Portugiesischen und Polnischen existiert. Sprich: All diese schönen Dinge gäbe es in anderen Kultur- und Sprachräumen gar nicht, wenn wir nicht so freundlich wären, die Dinge und die zugehörigen Wörter zu entlehnen (und das auch noch kostenlos!).

Ein Wort fehlt seltsamerweise, denn es beschreibt eine der Lieblingstätigkeiten der Deutschen: zetern, oder noch besser: Zeter und Mordio schreien. Wenn wir eines gerne und unablässig tun, dann ist es schimpfen und klagen und jammern - über die Regierung, die angeblich viel zu geringen Hilfen gegen Inflation und teure Energie, über die nichtsnutzigen Nationalspieler, die Bahn, die nicht fährt, die Post, die nicht kommt.

Neuestes Objekt der Beschwerde sind die Weihnachtsbäume in den Kommunen. In Neu-Ulm etwa wurden einige der Bäume, die von der Stadt extra aufgestellt wurden, um den Menschen in schwierigen Zeiten ein wenig Freude zu bereiten, als "Besen" verunglimpft. Nebenan in Burlafingen meckerten die Leute, die örtliche Fichte sei "mickrig" und nicht dicht genug, und auch in München kann es der Baum vor dem Rathaus Jahr für Jahr nicht allen recht machen: Mal wirkt er "völlig zerzaust", dann ist er wieder zu "schmächtig".

Auch in Dresden, vor der berühmten Frauenkirche, kam diesmal ein reichlich mitgenommenes Exemplar der Spezies zu stehen. Das aber hatte seinen Grund: Man hatte sich bewusst für einen Baum aus den sächsischen Wäldern entschieden, um auf deren durch Trockenheit, Waldbrände und den Borkenkäfer reichlich desolaten Zustand aufmerksam zu machen - der Weihnachtsbaum als pädagogische Maßnahme sozusagen.

Womit wir wieder beim Deutschen als Oberlehrer wären. Das Wort könnten wir bei Bedarf gerne auch noch entlehnen.