Was schenkt man Menschen, die schon alles haben? Das ist eine Frage, die sich dieser Tage viele unter uns gestellt haben mögen - aber es handelt sich um ein Luxusproblem. Bei genauer Betrachtung ist es, Pardon!, eine ziemlich zynische, eventuell aufreizend tumbe Frage. Bestimmte Güter sind, und das ist gut so, gerecht verteilt: Zeit und Endlichkeit etwa. Niemand entgeht dem Tod. Andere Faktoren menschlicher Existenz fallen uns dramatisch ungleich zu: Gesundheit, Reichtum, Würde, Chancen, Zufriedenheit (um nur einige zu nennen). Bevor diese Betrachtung aber zu sehr ins Schicksalhafte kippt, stelle ich apodiktisch fest: Ein klug gewähltes Geschenk wird immer Freude auslösen. Der Preis ist, sofern es sich um ein materielles Präsent handelt, nebensächlich.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Nehmen wir also einmal an, die betreffende Person hört gerne Musik. Und weil er/sie ein analoger Mensch ist mit einem Hang zur guten, alten Schallplatte, wird man eine solche auswählen. Beispielsweise das fantastische Album "Midnight Blue" von Kenny Burrell, einem Jazz-Gitarristen, der bei dieser Aufnahme - die 1963 entstand - Mitstreiter wie Stanley Turrentine oder Ray Barretto hatte. Es handelt sich um ein exzeptionelles Beispiel für den Sound des Jazz-Labels Blue Note, und da einst der legendäre Toningenieur Rudy van Gelder an den Reglern saß, klingt "Midnight Blue" auch ganz hervorragend. Wenn man jetzt keine der unzähligen Nachpressungen des Albums verschenken will, sondern ein Original, gräbt man auf der Online-Plattenbörse Discogs nach - und stellt fest, dass eine solche Platte in der Stereo-Version bis zu 250 Euro kostet. Die Scheiben sind rar. Aber halt! Da ist auch eine um 28,99 Dollar inseriert (plus Versandskosten). Zu schön, um wahr zu sein? Nein. Ihr Zustand wird vom Anbieter als "Good Plus" beschrieben, sprich: Das Vinyl ist wahrscheinlich ziemlich zerkratzt. Als erfahrener Discogs-Kunde geht man jedenfalls von schönfärberischen Angaben aus, hier winkt die potenzielle Enttäuschung beim Auflegen der Platte schon aus der Ferne mit dem Zaunpfahl.

Was tun? Tipp: "Midnight Blue" kaufen, das abgenutzte ("generic") Cover als Deko verwenden. Und die Platte selbst ausprobieren. Und zwar in Kombination mit einem kleinen, feinen Kästchen fortschrittlicher Elektronik, das die österreichische Firma Pro-Ject entwickelt hat: die Vinyl NRS Box S3. Die entfernt wie von Zauberhand Knackser, Grundrauschen und sonstige Störgeräusche - zwar nicht komplett, aber doch sehr deutlich. Dass das Signal dabei auf dem Hin- und Rückweg Analog-Digital-Wandler durchläuft, wird, bei aller Liebe, nur Puristen irritieren. Weil man nun die alte Schallplatte (die man freilich auch noch waschen sollte, bevor sie zum Einsatz kommt) doch ziemlich frisch genießen kann. Chitlins Con Carne! Wer mehr zu diesem Gerätchen wissen will: In Youtube-Videos wird der Vorher-Nachher-Effekt ausführlich demonstriert. Ein Detail soll jedenfalls nicht unerwähnt bleiben: Die zerkratzte Platte plus die NRS S3-Box kosten zusammen wahrscheinlich weniger als eine 1A-Originalausgabe des Klassikers.

Alternativ kann man sich an weise Worte des legendären BBC-DJs John Peel erinnern, der einst einem Hörer, der ihm den Vorteil von CDs nahebringen wollte ("hat keine Nebengeräusche"), entgegenhielt: "Hör mal, Freund, das Leben hat jede Menge Nebengeräusche!"