Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Am 25. Dezember, gleich nach dem Aufstehen und noch vor dem Frühstück, setzen wir uns zum Zusammenbauen des neuen Lego-Millennium-Falkens auf den Boden. Plötzlich kommt er ganz nahe zu mir her, um mir ins Ohr zu flüstern: "Der Opa hat gelügt." Ich höre weiter zu und entscheide mich, die falsche Perfekt-Form bloß subtil zu korrigieren. "Was, wie: Er hat gelogen?" "Ja!" Die Augen des 6-Jährigen sind weit geöffnet - sein ganzes Gesicht signalisiert Sensation. Dann flüstert er weiter: "Er hat gestern gesagt, in der großen Schachtel ist Altpapier. Aber in Wirklichkeit ..." - dramatische Pause - "in Wirklichkeit war der Millennium-Falke drin. Ich habe es genau gesehen."

Da geht sie hin, die Mär vom Christkind. Dem Opa ist freilich nicht die Schuld zu geben. Die Zweifel seines Enkels hatten sich schon geraume Zeit angebahnt. Bereits beim Verfassen des Wunschzettels kamen skeptische Fragen, die wir noch halbwegs zufriedenstellend beantworten konnten. Beim Nikolo war die Fülle der Fragen bereits übermächtig: "Wenn wir wirklich so eine gute Sicherheitstüre haben, Papa: Wie kommt dann der Nikolo da rein? Wir haben auch keinen Kamin ... Und wenn er nicht reinkommt: Wie befüllt er unsere Schuhe? Wieso steckt er überhaupt etwas ausgerechnet in Schuhe?" Irgendwann konfrontierte er meine Frau ganz direkt: "Zu den anderen Kindern kommt der Nikolo. Nur bei uns, da machst das in Wirklichkeit du!"

Dabei ist es nicht so, dass die Adventzeit bei uns nicht aufregend wäre. Die Begeisterung bei dem jungen Mann war im Gegenteil größer als je zuvor. So groß, dass er im Dezember durchgehend ab halb fünf aufstand, um die Adventkalender zu leeren. Auch hier laufen Lego und Lucasfilm der Christkind-Saga allerdings zusehends den Rang ab. Hatte doch der Bub heuer einen Star-Wars-Adventkalender geschenkt bekommen. Für jeden Tag gab’s einen Mini-Bausatz: Mini-Raumgleiter, Mini-Massenvernichtungswaffe oder Mini-Figur. Frühmorgens saß mein Sohn bereits im Ehebett und baute.

Es ist ein großer Mythenwandel, der sich hier vollzieht. Die Mär von der Krippe, vom heiligen Tannenbaum und von einer geheimnisvollen Märchenfigur, die Geschäfte leer kauft, zieht immer weniger. Wo ein glaubhaftes Erklärmodell fehlt, rücken andere Mythen nach: Warum nicht die Star-Wars-Saga? Auch hier kommt übrigens, wie in so vielen Mythologien, eine unbefleckte Empfängnis vor.

Christkind hin, Darth Vader her, vielleicht ist es am Ende ohnehin nicht wichtig. Jeder Grund ist gut, miteinander zu feiern. Und drei Tage nach Weihnachten setzt sich der Bub zu mir auf die Couch. Richtig traurig schaut er drein. Was ist denn los? "Ich will nicht noch ein ganzes Jahr warten, bis wieder Weihnachten ist!"