Über den Jahreswechsel hatte ich mir vorgenommen, Fabian Bursteins Streitschrift "Eroberung des Elfenbeinturms" (Edition Atelier) zu lesen. Weit bin ich nicht gekommen, aber der gute Mann ist mit seinem Plädoyer für eine Revision und Erneuerung des Kulturbetriebs momentan eh sehr präsent in den Medien. Zu Recht, wenn Sie mich fragen: Teilweise haben sich Kulturschaffende so radikal von ihrem Publikum entfernt, dass sie sich ohne bequeme Unterfütterung mit Steuergeldern und Subventionen keine paar Monate im freien Wettbewerb behaupten könnten. Diese Diagnose hat sich noch verschärft - und lange zieht die derzeit gängige Ausrede mit der Corona-Apathie des Publikums nicht mehr.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Ob es nun ein Überangebot an serieller (um nicht zu sagen: industrieller) Kulturproduktion ist, die die Problemlage befördert, eine Überschätzung der eigenen Bedeutsamkeit, die gnadenlose Konkurrenzierung durch TikTok, Trash, Pop, Games, Unterhaltungselektronik und Online-Entertainment, eine rasant schwindende humanistische Grundbildung oder schlicht ein Hochkultur-Fetisch und Duktus, die nicht mehr in unsere Zeit passen (auch oder gerade, wenn der Spielplan dem vermeintlichen Zeitgeist so verbissen hinterher hechelt) - darüber lässt sich lange streiten. Tatsache ist: Es sitzen aktuell immer noch deutlich weniger Menschen in Theatervorführungen, Kinos, Lesungen, Opernsoirees, Kabarettabenden und Konzerten als noch vor drei Jahren. Zukunftstendenz: fraglich bis düster. Halb voll, flüstern mir Veranstalter zu, sei das neue "Ausverkauft!"

Das ist natürlich kein Zustand. Fabian Burstein, seines Zeichens Kulturmanager mit fast schon rührend idealistischem Gestaltungswillen, gibt dazu in seinem kontrovers angelegten und rezipierten Buch einige Ratschläge an die Kulturpolitik weiter (an deren Tropf ja Kunst und Kultur leider mittlerweile existenziell hängen; Ausnahmen bestätigen die Regel). Wohlgemerkt: Hier handelt es sich um systemische, die Rahmenbedingungen, Entscheidungsprozesse und Organisationsstrukturen hinterfragenden Überlegungen, keine künstlerischen. Die allseits erwünschte und erhoffte Radikalität der Kunst ist und bleibt ein Feld geistiger Autonomie und individueller Visionskraft.

Was man sich anno 2023 und darüber hinaus freilich generell wünschen darf (und ich bin hier auch nur ein interessiertes Zuschauer-Mäuslein), ist ein entschiedenes Ermöglichen, Anregen, Ausprobieren. Burstein begegnet mir auf Twitter und Facebook immer wieder - ganz im Gegensatz zu diversen Hohepriestern der staatstragenden Bühnen -, neulich postete er etwa einen Artikel der deutschen Wochenzeitung "Der Freitag", der dringend neue, zeitgemäße Formate am Theater forderte ("Endlich WLAN: Entdeckt das Theater der Zukunft die Digitalisierung?").

Nun ruft solch ein Vorstoß gewiss wieder Widerspruch hervor - und es ist kein Allheilmittel, die traditionellen Tugenden jahrhundertealter Kulturformate gegen die Technik und Fortschrittsgläubigkeit des 21. Jahrhunderts in den Ring zu schicken. Aber die Bequemlichkeit des eigenen Denkens, die Trägheit des Kulturapparats, die Selbstverliebtheit der Szene, nein: alles - gemäß Giuseppe Tomasi di Lampedusa - muss sich ändern, damit es bleiben kann, wie es ist. Und gerade die Kultur ist dafür der geeignetste Schrittmacher.