Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. 
- © Robert Newald

Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.

- © Robert Newald

La Gomera ist kein Ort für klassische Touristen. Allein die Art der Anreise verhindert das. Hier gibt es nur einen winzigen Flughafen, der ausschließlich zur Verbindung mit den übrigen Kanarischen Inseln dient: Die Landebahn wäre für Maschinen internationaler Flüge viel zu kurz.

Wer hier Urlaub machen will, fliegt seit eh und je zunächst nach Teneriffa, nimmt anschließend den Bus bis zur Fähre nach La Gomeras Hauptstadt San Sebastián und besteigt dort wiederum einen Bus - zumeist, um zu den schönsten Stränden der Insel zu gelangen, die im Valle Gran Rey liegen. Von Flugscham geplagte Menschen können ihr Gewissen immerhin mit einer zum Teil auf dem Landweg, zum Teil auf dem Meer zurückgelegten Route beruhigen.

Wir hatten die Insel vor dreißig Jahren besucht und waren gespannt, wie viel sich seither verändert haben mochte. Zunächst die Suche nach einer Unterkunft: Heute per Online-Reservierung, damals - Internet gab’s nicht - wurden die Ankommenden von einer Schar von Zimmervermietern umlagert, die ihre Quartiere in den höchsten Tönen anpriesen. Wir ließen uns vom Ersten, der uns ansprach, abschleppen, da er zum einen sympathisch aussah und wir zum anderen die zahlreichen Angebote ohnehin nicht hätten überprüfen können. Wir landeten in einem kleinen Haus, bezogen ein kleines Zimmer, und die Ehefrau des Patrons kochte für uns. Meist etwas zu viel, die Reste verfütterten wir spätabends am Hafen an die herumstreunenden Katzen.

Diesmal brachte uns ein Minibus vor die Türe unserer Apartmentsiedlung. Ein netter, niedriger Bau, der dort steht, wo sich früher Bananenplantagen ausbreiteten. Unsere geräumige Wohnung ließ an Komfort nichts vermissen. Vom Wohnzimmer aus betrat man die Terrasse, davor lag der Swimmingpool. Wer in den Nachbarort gehen will, nimmt heutzutage eine nette Strandpromenade, damals bestand die Verbindung aus einer staubigen Autostraße, an einen Gehsteig kann ich mich nicht erinnern.

Das Valle selbst verströmt noch immer ein wenig von seinem einstigen Aussteiger-Image. Frauen mit langen blonden Haaren, vorwiegend um die 50, sehnig und braun gebrannt, die des Morgens am Strand den neuen Tag im Lotussitz willkommen heißen; junge Männer mit aufgetürmten Rastalocken, die am Abend, dicht neben den leise anschlagenden Wellen, mit Trommeln und schwingenden Fackeln den Tag verabschieden; und dazu allenthalben kleine Plakate, auf denen Yoga-Lehrerinnen auf Deutsch zu einer Reise mit der eigenen Stimme einladen. Kein Unterschied zu vor dreißig Jahren. Nur dass die Lehrerinnen nun eine E-Mail-Adresse besitzen.

Die Lingua Franca ist immer noch Deutsch, die Urlauber - viele wohl Kinder der einstigen Feriengäste - wirken sehr entspannt, und wer etwas auf sich hält, spricht genügend Spanisch, um zumindest im Restaurant eine Bestellung aufgeben zu können.

Wer nach La Gomera fährt, betrachtet sich als Reisender, nicht als Tourist. Trotz Internet und Pool.