Wenn im Wiener Augartenpark zu Silvester die Palmkätzchen blühen, dann taucht unweigerlich die Frage auf, ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist für das neue Jahr. Den fetten Hund, der dringend gestreichelt werden möchte, scheint das nicht weiter zu verwirren. Mich schon. Der fette Hund gefällt mir. Ein gutgelaunter Gérard Depardieu der Tierwelt. So etwas sieht man gerne. Da fühlt man sich verstanden nach einer Woche Weihnachtsvöllerei.
Der fette Hund gehört zur Frau mit der Klaviermusik. Die hat anscheinend ein Radio unterm Anorak versteckt. Bevor ich sie sehe, habe ich sie gehört. Gerade bin ich ihr schon wieder über den Weg gelaufen. Sie geht dem Hund nach, der Hund läuft frei zwischen Busch und Baum herum und will unterhalten werden. Die einzige Unterhaltung weit und breit bin ich. Sonst nichts los im Park. Purer Zufall also. Die Frau mit der Klaviermusik glaubt nicht an den puren Zufall. Bei unserer neuerlichen Begegnung freut sich der Hund, aber sie weicht hastig und im weiten Bogen aus, den Blick konzentriert auf den Boden vor ihren Füßen gerichtet. Gleich findet mich der Hund auch nicht mehr ganz so interessant.
Mir tut die Frau mit der Klaviermusik leid, weil sie mitten am Tag im Augartenpark Angst vor einem fremden Mann haben muss, der zwar Vollbart und Kapuze trägt, aber ansonsten ganz in Ordnung ist. Ich nehme das als schlechtes Zeichen für Wien. Früher hätte der fette Hund völlig gereicht zur Selbstverteidigung. Heute gefühlt nicht mehr. Auf einmal machen mich sogar die Palmkätzchen nervös. Womöglich läuft das was aus dem Ruder.
Weihnachtsurlaub gab es diesmal keinen. Weil sie mir voriges Jahr in Spanien den Computer geklaut haben, bin ich irgendwie immer noch beleidigt auf die. Wellness mag ich nicht. Und Schifahren wird sowieso immer mehr zur Selbstverteidigung. Da habe ich die Feiertage doch lieber auf der Couch verbracht. Das Christkind hatte zwar keine Socken, dafür aber Schnaps und Bücher geschickt.
Eben lese ich die Erinnerungen von Werner Herzog. Sie tragen den schönen Titel "Jeder für sich und Gott gegen alle" und sind voll von schönen Sätzen. "Ich halte das 20. Jahrhundert in seiner Gesamtheit für einen Fehler." Wer so etwas schreibt, muss viel gesehen haben von der Welt. Ich bin beim Buch erst in der Mitte. Kann also nicht sagen, was Werner Herzog vom 21. Jahrhundert hält.