Die Künstliche Intelligenz (KI) steht vor den Toren der Schulen, und die Ratlosigkeit der Pädagogen ist groß. Das frei zugängliche Texterzeugungsprogramm ChatGPT geisterte in den letzten Wochen durch alle Medien. Keine Zeitung, die etwas auf sich hielt, konnte es lassen, dieser Software anzuordnen, Kommentare, Essays, Witze, Gedichte, Dialoge und kleine Abhandlungen zu schreiben. Was da verfasst wurde, sorgte für Verblüffung: Grammatikalisch korrekte Texte, gespickt mit allen gängigen Phrasen und Allgemeinplätzen, politisch korrekt und bei strittigen Fragen zurückhaltend bis ausgewogen - schnell war man sich einig, dass damit nicht nur die schreibende Zunft in die Enge getrieben würde, sondern es für Lehrpersonen schlicht nicht mehr möglich sei, die künstlich generierten Texte von einem durchschnittlichen Aufsatz oder gar einer vorwissenschaftlichen Arbeit zu unterscheiden.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die Schüler reiben sich die Hände: Das meiste, was in einem kompetenzorientierten Unterricht von ihnen an schriftlichen Äußerungen verlangt wird, schafft nun das Smartphone in wenigen Sekunden. An den Schulen von New York wurde der Einsatz von ChatGPT verboten. In Österreich gibt es kaum warnende Stimmen. Die Medienpädagogen freuen sich über das neue Spielzeug und hoffen, dass dadurch die Kinder und Jugendlichen endlich von allen Nötigungen, selbst etwas zu lernen, befreit werden. Wissen zu erwerben, so ein renommierter Erziehungswissenschafter, kann man sich ersparen, es genüge, über das Wissen zu diskutieren. Es bleibt sein Geheimnis, wie man etwas beurteilen kann, von dem man keine Ahnung hat.

ChatGPT ist kein Programm, das Informationen oder komplexeres Wissen bereitstellt. Es hat keinen vollständigen Zugriff auf die unendlichen Datenmengen des Internets, sondern arrangiert standardisierte Formulierungen immer wieder neu. Seiner Logik nach ist es kein Werkzeug, das Arbeitsprozesse unterstützt, es erledigt diese selbständig. Es ist, bislang, eine Maschine zur Produktion von Plattitüden und Stehsätzen. Es mangelt ihr, wie könnte es anders sein, an Originalität, Subjektivität, pointierten Zuspitzungen, überraschenden Argumenten und riskanten Gedanken. Der Algorithmus hat die herrschende Moral verinnerlicht. Die Aufgabe, einen ironischen Kommentar zur Klimabewegung zu schreiben, lehnt das Programm mit dem Hinweis, dass man über so ernste Dinge keine Witze machen darf, schlicht ab.

Eine Gefahr ist solch eine biedere Intelligenz nur für eine Schule, die ihre Aufgabe in der Erstellung normierter, unanstößiger, konformer und oberflächlicher Elaborate sieht. Die stupide Textsortendidaktik des Deutschunterrichts etwa eignet sich hervorragend für den Einsatz dieser KI. Immerhin: ChatGPT glänzt durch eine sprachliche Sauberkeit, zu der selbst Gymnasiasten kaum noch fähig sind. Verwenden diese die KI, um eigene Leistungen vorzutäuschen, sollten sie ein paar Fehler nachträglich einbauen.

Wer darauf beharrt, dass in Bildungseinrichtungen fundierte Erkenntnisse nachweislich erarbeitet und geistige Fähigkeiten geübt werden sollen, wird sich überlegen müssen, wie er die KI überlisten kann. Im Prinzip ist das ganz einfach: die Rückkehr zu handschriftlichen Arbeiten ohne technische Hilfsmittel; die Forcierung ausführlicher Prüfungsgespräche und Präsentationsformen ohne PowerPoint-Folien; die pädagogische Neugier auf das, was ein junger Mensch tatsächlich im Kopf hat. Wer auf sich gestellt, nur mit einer Kreide bewaffnet, auf einer antiquierten Tafel noch etwas zustande bringt, hat gewonnen. Die Digitalisierung des Bildungswesens zwingt zum forcierten Einsatz analoger Methoden. So viel zu den Kapriolen des Fortschritts.