Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Talente, so liest man oft, seien rar und daher gesucht. Ein weltweit operierender Beratungskonzern rief sogar vor langer Zeit schon einen Krieg um Talente aus. Gemeint sind Talente im neumodischen Sinne, nicht mehr als Währungen wie in der Antike, sondern als Begabung oder modisch ausgedrückt: Humankapital.

Derartige ältere Währungen sind ja beim Versuch, die Dinge von morgen irgendwie zu benennen, sehr beliebt, manchmal findet man mehrere wild zusammengemischt aus sehr unterschiedlichen Epochen. Da wird schon mal Talent so definiert, dass man Pfunde besäße, mit denen man wuchern könne. Nun ist Wucher nicht unbedingt eine edle Eigenschaft, aber offensichtlich hat auch hier eine ältere Bedeutung überlebt, die - wie vieles - aus der Bibel stammt, präzis aus Lukas 19, Vers 16.

Wenngleich nicht ganz in dieser Formulierung, damals hieß das Pfund noch Mine und entsprach etwa 600 Gramm Silber. Es ging um Spekulationsgeschäfte, in denen mit einer Mine zehn erworben wurden. Erst in der Lutherübersetzung wurde dann daraus das Pfund. Seitdem also wird mit dem Pfund gewuchert, das dann allmählich seine ursprüngliche geldwerte Konnotation verlor und nach und nach auch nicht mehr recht definiert war. Denn wenn man heute der Redewendung nachspürt, wird die Sache unübersichtlich.

Da wird dem deutschen Talkmaster Lanz bescheinigt, das "schwerste Pfund", das er in die Waagschale legen könne, sei die Gästeauswahl. Wer anderer, ich hab vergessen wer, sagt von sich: "Das schwerste Pfund, das ich in die Waagschale legen kann, ist Glaubwürdigkeit." Das sind keine gelegentlichen sprachlichen Ausrutscher. So liest man in der Besprechung der Qualitäten eines Geländewagens mit dem Etikett eines früheren Weltreisenden: "Das schwerste Pfund, das der Sven Hedin in Sachen Gepäckaufbewahrung in die Waagschale wirft, ist der praktische Laderaum im Heck." Auch bei Computer-Applikationen zählt Gewicht: "Das schwerste Pfund, mit dem Roon wuchern kann, sind seine bis ins Detail gut durchdachten (...) Funktionen." X-fach liest man Berichte über schwerste Pfunde.

Aus Bayern kommt Aufklärung, im Netz natürlich, wo ein stolzer Eingeborener darauf hinweist, "daß unser gutes altes bayrisches Pfund das schwerste Pfund der ganzen Welt mal überhaupt ist" und 560 Gramm wöge. Offenbar kann dieses Gewicht auch verloren gehen, denn ein Wirtschaftsjournalist stellt fest, dass "das schwerste Pfund im Regelungswettlauf, der Rat der Experten, zunehmend an Gewicht verliert".

Eines ist sicher - zumindest nach Aussagen der Freunde, die in diesem neuen Jahr (wie jedem vorangehenden) nun endlich wirklich ernsthaft abnehmen wollen: Die letzten Pfunde sind die schwersten. Das macht dann ein bisschen müde, und die Ambitionen lassen nach. Und so wuchern die Pfunde dann ganz von selbst, werden schwerer und nehmen wieder bayerische Dimensionen an.