Deutschland hat zwei Klassiker, Österreich hat drei: Grillparzer, Nestroy und Raimund. Hier sind sie alphabetisch gereiht, wie eine Rangordnung aussehen sollte, ist seit langem Gegenstand eines lebhaften Diskurses. Die drei sind freilich schwer zu vergleichen: Einerseits Franz Grillparzer, der den deutschen Klassikern Goethe und Schiller nacheiferte, andererseits ein Johann Nestroy und ein Ferdinand Raimund, deren Werke im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Burgtheater wenig gespielt und in den Literaturgeschichten vernachlässigt wurden - weil man in ihnen nur Produkte eines minderwertigen Wiener Volkstheaters sah.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Inzwischen hat sich die Meinung durchgesetzt, dass die drei gleichwertig sind - oft ist von einem Dreigestirn die Rede. Jeder hat in Wien ein Denkmal, jenes von Grillparzer im Volksgarten wurde 1889 enthüllt; das Raimund-Denkmal neben dem Volkstheater ist rund zehn Jahre jünger; Nestroys Denkmal, das schlichteste von den dreien, wurde Ende der 1920er Jahre am Nestroyplatz errichtet. Es wäre während des Zweiten Weltkriegs beinahe eingeschmolzen worden, stand dann vor dem Reinhardt-Seminar in Penzing und kehrte erst 1983 in die Nähe seines ursprünglichen Standorts zurück. Es stellt Nestroy als Blasius Rohr aus "Glück, Missbrauch und Rückkehr" dar. Was der große Satiriker und Sprachkünstler über die Spritztouren seines Denkmals wohl geschrieben hätte?

Mein Favorit ist seit jeher Nestroy, und so habe ich im Zuge meiner verlegerischen Laufbahn keine Sekunde gezögert, als der Lektor Johann Lehner zu mir kam und beklagte, dass der Verlag Jugend & Volk die historisch-kritische Werkausgabe nicht mehr weiterführen wolle. So ist Nestroy ins Verlagshaus Deuticke eingezogen, von jedem Stück sind alle greifbaren Varianten abgedruckt, mit einem sorgfältig erstellten Apparat.

Inzwischen ist die von Johann Lehner betreute Werkausgabe - erarbeitet von Universitätsprofessoren aus aller Herren Länder - abgeschlossen. Außerdem hat die Nestroy-Gesellschaft alle Stücke digitalisieren lassen, sie sind nun im Internet gratis abrufbar. Auf nestroy-werke.at kann man sogar in einem Wörterbuch jede einzelne Textstelle finden. Nestroy wird gerne zitiert, oft werden ihm Sätze in den Mund gelegt, die nicht er gesagt hat, sondern eine seiner Figuren: "Das Volk muss physisch beim Gnack gepackt, und moralisch mit der Nasen drauf gestoßen werden." Das ist nicht Nestroys Ansicht, so sprach der Zimmermann Peter Spann in "Der Unbedeutende".

Johann Lehner ging noch einen Schritt weiter: Er gründete einen Verlag, wo nicht nur die Fachpublikation "Nestroyana" erscheint, sondern auch eine kommentierte Ausgabe der Werke Philipp Hafners - er gilt als "Vater des Wiener Volksstücks", war ein Vorläufer von Nestroy und Raimund. Außerdem ist Lehner in die Arbeit an der neuen Raimund-Werkausgabe eingebunden, bei Zsolnay sind bereits drei Bände erschienen; zurzeit transkribiert er die handschriftlichen Originale des "Verschwenders". Schön ist auch, dass inzwischen die Stücke Raimunds im Internet abrufbar sind. Österreich hat seine Klassiker lange Zeit vernachlässigt - es wird besser.