Ich halte mich ja - schon aus hierorts regelmäßig nachlesbaren Gründen - für einen aufmerksamen Beobachter technischer Entwicklungen. Es ist ein Themenkomplex, der mich seit frühester Jugend fasziniert, wiewohl sich daraus weder ein Ingenieursstudium noch eine spezielle Expertise in einem technischen Fachgebiet ergeben hat.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Im Gegenteil: Ich habe mich als Journalist und Musikindustrie-Professionist schwerpunktmäßig den schönen Künsten zugewandt, die klischeehaft als Antipoden der Naturwissenschaften, der Mathematik und ihrer Anwendungen gelten. Was natürlich Unsinn ist. Gerade der Computer als Universalwerkzeug der Gegenwart erlaubt es, hier höhere Zusammenhänge nicht nur zu vermuten, sondern regelrecht zu berechnen. Und mittlerweile auch in Territorien vorzudringen (zumindest in stupenden Simulationen künstlicher "Intelligenz"), die bislang ausschließlich dem menschlichen Intellekt vorbehalten schienen.

Aber ich will Sie nicht langweilen mit Abhandlungen über modische Phänomene wie ChatGPT, jede bunte Illustrierte ist gerade voll davon. Was mir freilich ärgerlicherweise entgangen ist, ist der Umstand, dass die Voraussetzungen und industriellen Ressourcen für das Silizium-Zeitalter auf brüchigem Boden stehen.

Zumindest aus der Sicht global denkender Strategen, die - bislang öffentlich kaum gehört - auf die Monopolisierung, Rohstoffknappheit und Krisenanfälligkeit der Halbleiter-Industrie hinweisen. Es dreht sich (fast) alles um Mikrochips. Jene zentralen Bausteine mit integrierten Schaltkreisen, die als "Rohöl
des 21. Jahrhunderts" gelten
und die Basistechnologie für
die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung der Industrie (Entwicklungsstufe 4.0) und unseres Alltags bilden. Mittlerweile finden sich die Dinger in so gut wie jedem Werk- und Spielzeug der Spezies Mensch. Anno 2021 wurden weltweit eine Billion (!) Chips erzeugt, der Planet schreit nach immer mehr.

Ein Großteil der IT-Legobausteine stammt aus Taiwan und China - die Folgen eines Kriegskonflikts in dieser Region kann man sich ausmalen. Folgerichtig hat die EU einen "European Chips Act" beschlossen (analog einer ähnlichen Initiative in den USA): 43 Milliarden (!) Euro will man in den nächsten Jahren in die lokale Chips-Forschung und -Herstellung pumpen.

Und schon lese ich Artikel,
dass diese Summe nicht reichen wird. "Wir brauchen ein ganzes Öko-System, das wachsen
muss", analysiert etwa der Wirtschafts-Journalist Adolf Winkler im "Trend", "von der Universität über das Forschungszentrum bis hin zu Frontend-Fabriken."

Es geht also - ähnlich der Herstellung von Medikamenten, wo sich plötzlich ungeahnte Engpässe auftun - um industrielle und digitale Souveränität, sprich: Unabhängigkeit von den Riesen. Vormals war, so Winkler, die Mikroelektronik "ein Showcase der Globalisierung. Jetzt manifestiert sich in der Chipbranche eine neue Ära der Weltwirtschaft: die Deglobalisierung." Pardauz! Immerhin hofft man, dass die sich abzeichnende Öko-Schlacht nicht im Dritten Weltkrieg mündet, weil man sich neuen Gegnern zuwenden muss (und auch US-Präsidenten und Chinas Potentaten das einsehen werden, werden müssen): Die Klimakatastrophe kennt keine Grenzen. Und es wird nicht und an keinem Ort dieses Planeten ohne grüne Zukunftstechnologie - und damit ohne weitere Billionen Mikrochips - funktionieren, sie abzuwenden.