Unlängst sitze ich mit Freunden in einem Wirtshaus beisammen, da hören wir vom Nebentisch den Satz: "Sie haben ihn bis zur Vergasung geärgert!" Peter wird hellhörig: "Darf man das sagen? Das ist doch auf die Gaskammern in den Konzentrationslagern gemünzt! Oder ist der Ausdruck älter?"

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Der Ausdruck stammt aus den Naturwissenschaften. Er bezieht sich auf den letzten, gasförmigen Aggregatzustand, dieser wird bei ständiger Erwärmung eines Stoffes erreicht.

Etymologisch geht die Redewendung also auf ein chemisches Experiment zurück. Um einen Stoff von einem festen oder flüssigen in einen gasförmigen Zustand zu versetzen, muss man ihm viel Energie zuführen. Irgendwann ist es dann so weit: Er wird zu Gas. Das ist chemisches Einmaleins.

Im übertragenen Sinn ist gemeint: Jemand wird so lange gepiesackt, bis er überkocht - aus Ärger, aus Zorn. "Ja, aber wie gesichert ist das?" Peter will Belege sehen, Belege, Belege.

"Das ist ordentlich dokumentiert. Du findest es in so gut wie allen großen Wörterbüchern. Es gibt viele Zitate aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lange bevor unzählige Menschen von den Nazis mit Giftgas ermordet wurden."

In einem etymologischen Wörterbuch findet sich folgende Eintragung: vergasen: Verb. "einen festen oder flüssigen Brennstoff in Gas umsetzen" (1. Hälfte des 19. Jahrhunderts), "durch Giftgas töten" (20. Jahrhundert), neuerdings (bei der Schädlingsbekämpfung) dafür: ausgasen.

"Weißt du, Peter, manchen Jugendlichen geht diese Political Correctness furchtbar auf die Nerven, das gilt auch für Jugendliche mit aufrechter Gesinnung. Sie sagen: ,Das hat absurde Ausmaße angenommen. Es ist lächerlich und hat keinen Nutzen. In diesem Fall würden sie ins Treffen führen, dass es sich um eine feste Wendung handelt - aus einem anderen Zusammenhang. Der Bezug zu den Konzentrationslagern könne gar nicht mehr nachvollzogen werden."

Peter hat einen Einwand. "Wenn jemand so argumentiert, dann würde ich ihm vor Augen führen, welchen Bedeutungswandel dieser Ausdruck durchgemacht hat: einen festen oder flüssigen Brennstoff in Gas umsetzen, mit Giftgas Menschen ermorden, Schädlinge bekämpfen . . . Wer sich vergegenwärtigt, mit welchen Methoden Menschen in Konzentrationslagern gequält und umgebracht worden sind, der wird nie wieder sagen: ,Sie haben mich bis zur Vergasung geärgert. Hinzu kommt, dass es auch heute noch Unverbesserliche gibt: Sie leugnen die Existenz von Gaskammern!"

Wir waren uns einig: Die Wendung etwas bis zur Vergasung tun sollte geächtet werden. Wörter haben eben wandelnde Bedeutungen, sie tragen frühere Verwendungen wie in einem Rucksack mit sich herum.

Aber was ist die Alternative? Zufällig lese ich im "profil" ein Interview mit Niki Lauda. Der Airline-Chef und ehemalige Rennfahrer lässt die Stationen seines Lebens Revue passieren. Zur heutigen Formel 1 fällt ihm ein, dass sich dort in den letzten fünfzehn Jahren kaum ein Fahrer schwer verletzt hat - anders als zu Laudas Zeiten: "Wir haben gewusst, dass wir bis zur Auflösung Rennen fahren werden. Der Tod war immer eine Option. Von diesem Irrsinn haben die heute keine Ahnung."

Ich weiß nicht: Hat Niki Lauda bis zur Vergasung im Kopf gehabt und dann im letzten Moment bis zur Auflösung gesagt? Oder haben die Redakteure in der Reinschrift den Satz geändert, politisch korrigiert?

Bis zur Vergasung Rennen fahren! Im 19. Jahrhundert hat man mit der Phrase bis zur Vergasung zum Ausdruck gebracht, dass jemand überkocht. Nach dem Holocaust schwingt eine neue Bedeutung mit: Bis in den Tod!