Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Test bei einem Wiener Heurigen. "Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Haxl und einem Biegel - bei den gebackenen Hendln?"

Die Heurigenwirtin schaut mich verwundert an. "Aber gnä´ Herr . . . des is doch ollas ans."

Oije, vielleicht hat mich die wohlbeleibte Dame mit der bunten Schürze nicht richtig verstanden. "Schaun Sie, es gibt ja dreierlei: Den Unterschenkel, den Oberschenkel oder beides zusammen . . . "

"Wenn ich die Sachen beim Metro kauf´, dann steht Untere Keulen , Obere Keulen oder Hühnerkeulen drauf . . . "

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Egal ob Haxl oder Biegel - viele sind der Meinung, dass uns das Wort Keule erspart bleiben sollte. Oder verwendet "Metro" nur deswegen den Begriff Keule , weil wir zwischen Haxl und Biegel nicht mehr sauber unterscheiden?

Das ist durchaus möglich. Dabei ist etymologisch alles klar. Biegel oder Bügel stammt von "biegen", das Wort ist verwandt mit "Beuge". Es handelt sich also um ein "gebogenes Stück", gemeint war ursprünglich der Unterschenkel samt dem Oberschenkel. Mein Vater hat immer die bei uns so häufig vorkommende Endung "-erl" gebraucht: Biegerl . Das ist keine Verkleinerungsform, damit wird nur die liebevolle Beziehung zu dieser Speise zum Ausdruck gebracht!

Ich war überrascht, als in einer ORF-"Millionenshow" zugunsten von "Licht ins Dunkel" Nina Proll und Armin Assinger einmütig bekannt haben, dass sie das Wort Biegel noch nie gehört haben. Ich vermute, dass der Ausdruck vor allem in der Bundeshauptstadt gebräuchlich ist und nicht auf dem Lande. Nina Proll ist im Waldviertel, nahe der tschechischen Grenze aufgewachsen, Armin Assinger ist Kärntner.

Mit dem Wort Haxl , auch Hachse oder Hechse , können die beiden wahrscheinlich mehr anfangen. Darunter versteht man den Unterschenkel eines Tieres, nicht nur beim Henderl. Das Wort steht mit "hängen" in einem Zusammenhang. Die ursprüngliche Bedeutung war nämlich "Fersensehne", an dieser Stelle hat man den Fuß der Schlachttiere durchstochen und die Tiere aufgehängt. Später ist dann der ganze Unterschenkel so bezeichnet worden, manchmal auch Unterschenkel und Oberschenkel zusammen.

So betrachtet sollten wir das Wort Hendlhaxl unter Artenschutz stellen. An eine "Keule" wollen wir in diesem Fall nicht einmal denken. Das Wort gehört seit dem 13. Jahrhundert zum Standardwortschatz, und zwar mit der Bedeutung "Stock, Stange", es gehört zu "Kugel" - gemeint ist "mit einer Kugel, also mit einer Verdickung, versehen".

Ich denke bei Keule immer an den Beginn des großartigen Films "Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick. Man sieht eine Gruppe von Vormenschen in der afrikanischen Savanne. Eines Morgens wachen diese neben einem schwarzen Monolithen auf, der in der vorausgegangenen Nacht, unbemerkt von den Vormenschen, auf die Erde gebracht worden ist - möglicherweise von einer außerirdischen Spezies. Welchem Zweck dient dieser Monolith?

Fest steht, dass er eine Bewusstseinsveränderung bei den Vormenschen herbeiführt. Zunächst tanzen sie um ihn ängstlich herum, dann berühren sie ihn vorsichtig. Seine Funktion wird klar, als einem der Vormenschen beim Anblick eines ausgebleichten Knochens ein revolutionärer Gedanke durch den Kopf schießt: den Knochen als Werkzeug oder Waffe zu verwenden! Die Szene wird von der Introduktion "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss untermalt - das ist meine archetypische Vorstellung von Keule .

Kulinarisch fällt mir zu Keule nichts ein.

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