So ist das auch beim Wort "Tschusch" gewesen, wobei wir einen Leser der "Wiener Zeitung" vor den Vorhang bitten wollen. Er hat die Etymologie dieses abwertenden Ausdrucks für "Ausländer", "Fremder", meist aus dem Balkan oder aus der Türkei, enträtselt. Dass er gleichzeitig das Establishment der Sprachwissenschaft und der Mundartforschung widerlegt, macht die Sache nur noch amüsanter.

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Was war denn bisher die Lehrmeinung? Das "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich", herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften, führt den Ausdruck auf ein serbokroatisches cuje? (= Hörst du?) zurück. Demnach standen also einmal Arbeiter aus dem Balkan beisammen, zum Beispiel beim Bau der Südbahnstrecke, und diskutierten mit Händen und Füßen. Die Österreicher verstanden nur Bahnhof, doch ein markantes Wort war für sie immer wieder herauszuhören: cuje (gesprochen: tschujesch). Daraus habe sich dann später das Spottwort "Tschusch" entwickelt.

Daneben gab es noch eine zweite Theorie für die Herkunft von "Tschusch". Die Doyenne der österreichischen Mundartforschung, Univ.-Prof. Maria Hornung, sah darin ein orientalisches Wanderwort mit der Bedeutung "Dummkopf". Dieses Wort sei in verschieden Sprachen aufgetaucht, zum Beispiel im Friaulischen als zús, im Slowenischen als cu oder cu. Mit der Umdeutung von "Dummkopf" zu "Fremder" habe das Wort seine heutige Bedeutung erhalten.

Ich muss zugeben, dass ich an diese Ableitung selbst geglaubt habe. Bis meine Mittwoch-Kolumne einen treuen und sprachkundigen Leser aufgestachelt hat. Dr. Herbert Michner, Wien 17, schrieb mir einen längeren Brief zum Ausdruck "Klefuzianer" und fügte ein Postskript hinzu: "Kennen Sie eigentlich die richtige Ableitung von ,Tschusch´?"

Ein Griff zum Telefonhörer, und schon war ich in eine anregende Diskussion verwickelt. Ich wollte es zunächst nicht glauben und bat um Belege. Wenig später ratterten dutzende Seiten aus meinem Faxgerät: Stichwörter aus alten serbokroatischen Wörterbüchern, Belegstellen aus Romanen und Sachbüchern. Es war erstaunlich, dass bisher niemand darauf gekommen war.

Das Wort leitet sich von einem serbokroatischen cu (gesprochen: tschusch) ab, das früher verwendet worden war, um Lasttiere anzutreiben, ähnlich unserem "hott" (= vorwärts). Diese Treiber sind als "Tschuschen" bezeichnet worden. Das war zunächst alles andere als abwertend, ganz im Gegenteil, als bei der Besetzung von Bosnien-Herzegowina die "Tschuschenbuben" mit den Mauleseln auftauchten, rann den Soldaten das Wasser im Mund zusammen - jetzt gab es bald etwas zu essen. Erst später hat dann das Wort einen negativen Klang bekommen.

So ist das also - plausibel abgeleitet, lückenlos belegt, daran ist nicht zu rütteln. In Zukunft wird man es auch in den etymologischen Wörterbüchern so lesen.

Das ausländerfeindliche Potenzial von "Tschusch" ist übrigens rückläufig. Vor allem in Österreich geborene und aufgewachsene Nachkommen der Einwanderungsgeneration haben die Bezeichnung inzwischen umgemünzt, sie weisen damit stolz auf ihre Herkunft hin. Im Internet findet man bereits die Grußformel: "Seavas - dein Tschusch!"