Bautzen ist eine Stadt der Superlative. Sie gehört zu den schönsten, ältesten und bedeutendsten Städten Sachsens. Und das seit mehr als tausend Jahren. Bautzen war aber auch einer der meistgefürchteten Orte in der ehemaligen DDR. Denn die Stasi (Staatssicherheit) unterhielt dort seit 1956 bis zur Wende eine Sonderhaftanstalt für politische Gefangene.

Die es offiziell im Arbeiter- und Bauernstaat gar nicht geben durfte: "Wer unsere antifaschistisch-demokratische Ordnung angreift, wer den Aufbau unserer Friedenswirtschaft stört, begeht eine strafbare Handlung und wird seiner verbrecherischen Taten wegen bestraft. Die Strafgefangenen dieser Art sind (. ..) kriminelle Verbrecher. Die Bezeichnung dieser Strafgefangenen als politische Häftlinge wird (. ..) hiermit untersagt", hieß es in einem Erlass des DDR-Justizministeriums.

Bautzen war für jeden Insassen ein Albtraum. Denn in diesem besonderen Knast hatte die Stasi Zugriff auf die Gefangenen, entschied über Wohl und Wehe und vor allem darüber, wer wann entlassen werden durfte. "Ich habe sogar einen Selbstmordversuch unternommen, weil ich (. . .) nach meiner Entführung kaum jemals die Chance haben würde, wieder entlassen zu werden und nach West-Berlin zurückkehren zu können", erzählt der in den 50er Jahren aus West-Berlin verschleppte Journalist Karl Wilhelm Fricke, der in Bautzen vier Jahre Einzelhaft absitzen musste.

Die Gefangenen wurden mit ausgeklügelten psychischen Repressalien schon während der Untersuchungshaft psychisch zermürbt und ihrer persönlichen Würde beraubt. So berichtet der Schriftsteller Erich Loest, der in das Räderwerk der Diktatur geriet, dass er seinen Namen nicht nennen durfte und nur als Nummer angesprochen wurde. Angehörigen wurde jede Auskunft verweigert.

Insgesamt saßen fast 3000 politische Häftlinge in Bautzen ein: Ob nun DDR-Staatsbürger, die nichts anderes wollten als ausreisen, die dem Regime kritisch gegenüberstanden, oder Ausländer, die der Spionage verdächtigt wurden.

Dabei ist Bautzen, im äußersten Osten Deutschlands, im Siedlungsgebiet der slawischen Sorben gelegen, nahe der tschechischen Grenze, eine ausgesprochen sehenswerte Stadt mit einer großen Geschichte. Und die kann man an den malerischen Plätzen, Türmen, Kirchen und historischen Gebäuden ablesen. Eine Idylle, die so gar nichts Schreckliches an sich hat.

Die 40.000-Seelen-Stadt liegt an der ehemaligen Via Regia, der großen mitteleuropäischen Ost-West-Achse, die vom Rhein über Frankfurt am Main, Fulda, Erfurt, Leipzig und Görlitz bis nach Breslau in Schlesien verlief. Ihr verdankt sie auch ihre frühe Blüte.

Seit 800 v. Chr. besiedelt, kamen im 3. Jahrhundert die Ostgermanen, 400 Jahre später die Slawen, und im 9. Jahrhundert begann der Aufbau der Stadt. Damals entstand auch der Dom St. Petri, die älteste und größte katholisch-evangelische Simultankirche Deutschlands.

Mit dem Stadtrecht (1250) blühte der Handel auf. Jährlich sollen 5000 Pferdegespanne die Stadt passiert haben. Pro Pferd mussten acht Pfennig bezahlt werden, wobei jedes Gespann mit acht bis zwölf Pferden bespannt war. Die daraus resultierenden Zölle und Abgaben brachten rund 500 Mark Silber ein - mehr als die ganzen Steuereinnahmen eines Jahres.

Das Stasi-Gefängnis ist jetzt eine Gedenkstätte. Heute präsentiert sich Bautzen wieder als altehrwürdige, doch quirlige Stadt, die Vergangenheit und Zukunft, Deutsche und Sorben, Ost und West miteinander verbindet.

Markus Kauffmann, seit 1984 Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.