Unsterblich wurde er aber in seinem eigentlichen Metier, der Schriftstellerei, von der er oft kaum leben konnte. Morgen jährt sich sein Geburtstag zum 128. Mal. Die Rede ist von einem der wenigen großen Humoristen der deutschen Dichtkunst, der in einer Reihe mit Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Kurt Tucholsky oder Erich Kästner genannt wird: Als Hans Bötticher in der Nähe von Leipzig geboren, nannte er sich seit Dezember 1919 Joachim Ringelnatz.

Vermutlich wählte er dieses Pseudonym, weil er immer schon einen Hang zur See empfunden hatte. In der Sprache der Seeleute war Ringelnass der Name für Seepferdchen, die als Glücksbringer galten.

Der kleingewachsene Hans muss ein Alptraum für die Lehrer gewesen sein. Er galt als Rüpel und flog vom Gymnasium. Seinen Mangel an Bildung suchte er später durch Privatstudien auszugleichen. Für viele Schicksalsschläge machte er auch sein ungewöhnliches Aussehen verantwortlich: Eine hervorstechende Adlernase und ein stark nach vorn gewölbtes Kinn - "Hätte ich ein anderes Gesicht, wäre mein Leben jedenfalls ruhiger verlaufen", sagte er von sich.

Hans’ Vater ist zunächst Musterzeichner für eine Tapetenfabrik. Später widmet er sich erfolgreich der Schriftstellerei. Doch der Sohn sucht das Weite und heuert als Schiffsjunge übersee an. Nach einem etwas holprigen Weg über abgebrochene Lehren und Gelegenheitsarbeiten entschließt er sich, fortan als Joachim Ringelnatz Vortragskünstler und Schriftsteller zu sein. Doch er war nicht nur Dichter, er hat auch gemalt und Cabaret gemacht. Bekannt wurde er durch seine Auftritte und Texte im Münchner Simplicissimus.

Es folgte seine beste Zeit, er wird zu einem der beliebtesten Kabarettisten der Weimarer Republik. Jetzt entsteht die Figur des Matrosen "Kuttel Daddeldu", jetzt tritt er im Berliner Kabarett Schall und Rauch auf, seine Texte und Gedichte erscheinen im Rowohlt-Verlag und werden von der Kritik begeistert aufgenommen.

Mit der braunen Götterdämmerung endet sein Erfolg jählings. 1933 verbrennen die Nationalsozialisten seine Bücher und erteilen ihm Auftritts- und Publikationsverbot. Kaum ein Jahr später stirbt er an den Folgen einer Tuberkulose.

In einer ungekünstelten, dem Maul des Volkes abgelauschten, oft sehr lakonischen Sprache gabelt Ringelnatz die kleinen Fährnisse des Lebens auf und färbt sie mit leiser Melancholie und liebevoller Ironie poetisch ein: "Ich hab’ dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken." Der etwas zu lange Bumerang, das Suahelischnurrbarthaar, der männliche Briefmark, der von einer Prinzessin beleckt ward, oder die Schnupftabakdose Friedrichs des Großen - sie sind allesamt in die Humorgeschichte eingeflossen. Doch Ringelnatz kann auch anders: Trocken und schonungslos beschreibt er den Krieg; in seinen autobiografischen Werken schont er sich auch selbst nicht, bekennt seine Schwächen und Fehler. 1920 heiratet er Leonharda Pieper, die er zärtlich "Muschelkalk" nennt und die ihm durch alle Niederungen die Treue bis zum Tod hält. Zu seiner Beerdigung spielt eine Orgel sein Lieblingslied "La Paloma". Unter einer Platte aus Muschelkalk findet er seine letzte Ruhe.

Selbstkritisch schreibt Ringelnatz: "Ich werde nicht enden zu sagen: / Meine Gedichte sind schlecht. / Ich werde Gedanken tragen / Als Knecht. / Ich werde sie niemals meistern / Und doch nicht ruhn. / Soll mich der Wunsch begeistern: / Es besser zu tun."