Markus Kauffmann, seit 1984 Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.
Markus Kauffmann, seit 1984 Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Eigentlich sollte die Kalorienbombe Christstollen ein Fastengebäck sein. Weder Milch noch Butter durften drin sein, und der Staubzucker

war nicht nur verboten sondern auch viel zu teuer. Also bestand die heute so begehrte Spezerei anfangs nur aus Mehl, Hefe und Wasser, gebacken bestenfalls in ranzigem Olivenöl - ein eher fades Gebäck.

Das sollte auch so sein, denn nach kirchlichen Regeln war "Advents-fasten" angesagt. Das "schmeckte" aber den genussfreudigen Kurfürsten Sachsens überhaupt nicht. Außerdem buken manche Hof-

bäcker schon längst zwar verbotene, dafür aber schmackhafte Stollen

mit Rosinen, Mandeln, Trockenfrüchten, Butter, Zucker und

Gewürzen.

Also wandte sich der Sachsenprinz Albrecht der Weise an den Papst mit der Bitte, das Butter-Verbot auf-

zuheben. Papst Innozenz VIII. ließ sich erweichen und erließ am

10. Juli 1491 den sogenannten Butterbrief. Der legte zunächst für 20 Jahre fest, dass Butter und Milcherzeugnisse ohne schlechtes Gewissen genossen werden dürfen. Allerdings verlangte er für dieses "Indult" ein jährliches Bußgeld

von jedem Nutzer, das für den Bau des Petersdoms in Rom verwendet werden sollte. Damit wirkte der Papst an der Rezeptur des Christ-stollens zumindest indirekt mit.

1615 kam es zum Siebenlehner Bäckerkrieg. Die Bäcker aus dem benachbarten Siebenlehn wollten ihre Stollen in Dresden verkaufen. Doch die Dresdner lauerten ihnen vor den Stadttoren auf, kippten deren Fuhrwerke um oder fackelten sie sogar ganz ab.

Ein Meilenstein war das vier-

wöchige Zeithainer Lustlager, ein gigantisches barockes Fest, auf

dem August der Starke anno 1730 seine militärische Stärke und

seine höfische Pracht demonstrierte. Zum Abschluss kredenzte er einen rund 1,8 Tonnen schweren Riesenstollen, aufgeschnitten mit einem anderthalb Meter langen silbernen Stollenmesser.

Stollen gibt es in vielen Varianten, wie Mandel-, Butter-, Marzipan- bezeihungsweise Persipanstollen, Mohn-, Nuss-, Quark-, Rotwein- und sogar Champagnerstollen; und es gibt sie aus allen Regionen: Bremer Klaben, Münsterländer Stollen oder das Erfurter Schittchen.

Aber Dresdner Christstollen kann

es nur einen geben. Der ist seit 1997 patentrechtlich geschützt. Grundrezeptur: Weizenmehl, Backhefe, Vollmilch, Kristallzucker, Frisch-

butter, Dickzuckerfrüchte, Zitronat, Orangeat, Sultaninen, Mandeln süß und bitter beziehungsweise Marzipanrohmasse, Zitronenschalenpaste, Speisesalz, Puderzucker, Stollengewürz und Spirituosen - ein

fälschungssicheres Original.

Darüber wacht der Schutzverband Dresdner Stollen, der am kommenden Samstag zum 18. Stollenfest lädt, einem großen Umzug ganz

im Geiste des Starken August: mit Spielmannszügen, Fahnenschwingern, Festwagen - und natürlich dem tonnenschweren Riesenstollen, der von einem hübschen "Stollenmädchen" präsentiert und mit

einem der größten Messer der Welt auf dem traditionellen Dresdner Striezelmarkt, dem ältesten Weihnachtsmarkt Deutschlands, angeschnitten wird.