Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am
Robert Sedlaczek ist der Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Sein Buch "Wiener Wortgeschichten" wird am

Die Musik von Kurt Weill mit den Texten von Bert Brecht beschäftigt mich seit meiner Jugend. Im Schallplattenkasten meiner Eltern fand ich eine Aufnahme aus den 20er oder 30er Jahren. Als Kind haben mich die rollenden r fasziniert: "Und derrr Haifisch, derrr hat Zähne, und die trrrägt errr im Gesicht ..." Erst viel später, während des Germanistikstudiums, habe ich begriffen, warum sich Brecht das so gewünscht hat: Das rollende r war früher ein weit verbreitetes dialektales Merkmal in Bayern und Österreich, Brecht hat es als Unterschichtphänomen verstanden. Inzwischen ist es stark zurückgegangen, es erinnert auch an die Aussprache von Adolf Hitler: unbrauchbar für den Moritatensänger am Beginn der "Dreigroschenoper".

Die Inszenierung von Michael Schottenberg am Volkstheater schlägt einen anderen Weg ein: Der Sänger hölzelt! Ob er einen leichten s-Fehler hat oder ob der Regisseur das so gewollt hat, kann ich nicht beurteilen. Dem Publikum gefällt es, das zeigt der Schlussapplaus.

Die "Moritat von Mackie Messer", englisch "Mack the Knife", ist von unzähligen Künstlern gesungen worden. Die Version von Bobby Darin ist wohl die beliebteste, die Jazz-Interpretationen von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald sind sicherlich die besten. Frank Sinatra hat das Lied sehr spät in sein Repertoire aufgenommen und in einer zusätzlichen Strophe die früheren Aufnahmen wohlwollend kommentiert: "Ah ,Old Satchmo’ Louis Armstrong / and Bobby Darin / they did this song nice, / Lady Ella too, / they all sang it / with so much feeling / that ,Ole Blue Eyes / he aint gonna add nothing new." Meine Lieblingsversion stammt von Marianne Faithfull. Das jazzige Klavierarrangement ergibt einen idealen Klangteppich für ihre raue, ausdrucksstarke Stimme.

Im Volkstheater kann ihr Maria Bill das Wasser reichen. Jedoch singt die Bill nicht das Moritatenlied, sie spielt die Rolle der Jenny. Dadurch kommen wir in den Genuss einer großartigen Interpretation der "Zuhälterballade" und des "Salomonliedes". Maria Bill wird in einer Silvesterveranstaltung Chansons singen, ich wünsche mir von ihr auch ein Programm mit Brecht-Weill-Liedern.

Von Tini Kainrath gibt es das schon. Vor kurzem ist eine CD mit dem Titel "Im Proda" herausgekommen, gemeinsam mit der Formation Freihaus 4. Auch dabei handelt es sich um eine jazzige Adaption, die Brecht-Weill-Lieder scheinen dafür bestens geeignet zu sein. Bei der Veranstaltung "Sprechen Sie Wienerisch?" im Metropol waren einige Nummern live zu hören.

Man ahnt es bereits: Tini Kainrath hat die Lieder ins Wienerische übertragen. Mackie Messer ist jetzt "der Gschwinde": ". . . doch der Gschwinde, hat sein Feidl / und den Feidl siecht ma ned." In der "Zuhälterballade" heißt es: "In aner Zeit, die längst vagongan is / woa ma beinander mia zwa du und i / ham glebt von dein Genie und meine Bana / I bring des Göd und schützn tuast du mi."

Freihaus 4 bekam von den Brecht-Erben die Erlaubnis, Titel aus der "Dreigroschenoper", "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" und "Happy End" frei zu interpretieren. Einige Textpassagen sind direkter und brutaler als bei Brecht, auch das ist wohl zeitgemäß.