Sehr geehrtes Salzamt, meine erste Beschwerde richtet sich gegen den traurigen Umstand, dass die meisten jungen Menschen Ihre therapeutische Funk-tion nicht mehr kennen und deshalb nicht in Anspruch nehmen können - weswegen die folgende Erklärung nötig ist.

Die Wendung "Darüber kannst du dich beim Salzamt beschweren" war ein geflügeltes Wort in meiner Kindheit und Jugend; sie gelangte dann zur Anwendung, wenn ein peinlicher, beklagenswerter Fall vorlag, dessen Verursacher leider nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Ein klassisches Beispiel: Irgendjemand hat die Reifen des Fahrrads, das der kleine David zum Geburtstag bekommen hat, heimtückischerweise aufgeschlitzt. Der Knabe brüllt, schreit nach Rache oder wenigstens Gerechtigkeit, die ihm, da der Übeltäter unbekannt, aber nicht zuteil werden kann; und in die tränenumflorte Stimmung hinein sagt der Onkel trocken: "Darüber kannst dich höchstens beim Salzamt beschweren". Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Salzämter waren seit dem Mittelalter wichtige Verwaltungsbehörden, die dem jeweiligen Herrscherhaus direkt unterstanden. Als sie im 19. Jahrhundert aufgelöst wurden, fand das Salzamt Eingang in die österreichische Umgangssprache als ironische Bezeichnung für eine fiktive Behörde, bei der man seine sonst nirgendwo ernstgenommenen Beschwerden vorbringen kann.

Meine zweite Beschwerde gilt den didaktischen Irrläufern im heimischen Unterrichtsbetrieb. Zum Beispiel dem von der Arbeitsgruppe SRDP Deutsch entwickelten "Textsortenkatalog", der festlegt, "welche Textsorten auf absehbare Zeit für Aufgabenstellungen der schriftlichen Reife- und Diplomprüfung Deutsch zum Einsatz kommen", etwa Empfehlung, Leserbrief oder Offener Brief. Textsorten sollen nämlich der "Entwicklung der Schreibkompetenz der Schüler/innen" so dienlich sein, dass diese eventuell sogar die hohe Sprachfertigkeit erlangen, welcher es bedarf, um einen ganzen Katalog zu verfassen.

Aus den unzähligen Beschwerdefällen, die dem weiten Feld der Wirtschaft entsprießen, greife ich einen gleichermaßen empörenden wie unausrottbaren heraus: den Kostenvoranschlag. Wo immer eine Autobahnbrücke, ein Krankenhaus, ein Flughafengebäude, ein Festspielhaus oder ein Zentralbahnhof errichtet werden soll: bevor’s ans Werk geht, rechnen sogenannte Experten die zu erwartenden Baukosten aus. Doch diese stimmen nie, nie mit der tatsächlichen, stets um ein Vielfaches höheren Summe überein, welche die öffentliche Hand am Ende ausbezahlen muss. Und schuld daran sind natürlich immer nur unerwartet aufgetretene Umstände.

Abschließend eine Beschwerde in Sachen Anstand. Wenn ein/e E-Mail-Schreiber/in mich lieb grüßen möchte, dann gebietet es die Höflichkeit, das auszuschreiben. So viel Zeit muss sein. Auf das modisch beschnittene, atemlose Kürzel "lg" verzichte ich. Und vollends auf so kryptische Grußformeln wie "mdgsdi", deren wortknausrige Kumpelhaftigkeit ein kräftiges "lmo" verdient.