Er war wohl ein typischer Kaiserreichsdeutscher, der Apotheker Wernher, der um die Jahrhundertwende in der kleinen Stadt Oppenheim die "Löwen-Apotheke" besaß. Seine Freizeit verbrachte er mit den Ortshonoratioren im Casino, und wenn es ihm dort zu langweilig wurde, vergrub er sich in historischen Studien. In jahrelanger Arbeit schrieb er das erste Buch über die Geschichte seiner Stadt; weshalb es in Oppenheim am Rhein heute auch eine Carl-Wernher-Straße gibt.

Der Hobby-Historiker kannte sich aber nicht nur in heimatkundlichen Belangen aus. Im Laufe der Jahre legte er eine beachtliche Sammlung alter Bücher an: Er besaß Werke von Goethe, Schiller und Wieland in kostbaren Erstdrucken; vor allem aber sammelte er pharmazeutische Fachliteratur: alte, handkolorierte Kräuterbücher, alchimistische Traktate, chemische Lehrbücher.

Allerdings weiß die Familienüberlieferung auch weniger schmeichelhafte Dinge über diesen Herrn Carl zu berichten. Seine schlanke, zarte Frau Emilie, genannt Milli, hatte - wie viele höhere Töchter - in ihrer Jugend Klavier spielen gelernt, und sie wollte als Ehefrau und Mutter weiter musizieren. Aber ihr unmusikalischer Gemahl gönnte ihr diese Freude nicht: "Mir ist es egal, ob jemand Klavier spielt oder auf einer Gießkanne bläst", sagte er - und ihre Musik verstummte für immer.

Wie damals üblich, erzog er seine vier Kinder äußerst streng. Seine jüngste Tochter Hedwig, genannt Hedi, berichtete noch im hohen Alter mit Grausen, dass sie als Kind das sogenannte "Pichelsteiner Fleisch" nicht mochte. Sie verweigerte die üppig-fette Speise, aber am nächsten Morgen bekam sie das Fleisch zum Frühstück serviert, dann zu Mittag und immer so weiter, bis schließlich alles aufgegessen war.

Während die Kinder deutsche Eintöpfe tapfer schlucken mussten, war ihnen artfremdes Obst verboten. Als der Vater seine zweitälteste Tochter Luise, genannt Lulu, einmal mit einer Orange erwischte, warf er die fremde Frucht in die Toilette und speiste das enttäuschte Kind mit einem einheimischen Apfel ab.

Auch sonst ließ er keinen Zweifel an seiner deutschnationalen Gesinnung. Unlängst wurde in den nachgelassenen Familienpapieren ein Handbuch aus dem Jahr 1904 entdeckt, in dem die damaligen Reichstagsabgeordneten abgebildet sind. Carl Wernher hat die Porträts aller SPD-Vertreter durchgestrichen und mit dem handschriftlichen Vermerk "Soz." versehen. Und aus einem Kurzurlaub nach Lothringen schickte er seiner Familie einmal eine Postkarte mit den launigen Versen: "Alles famos / tadellos / leider bloß / alles Franzos".

Der Verfasser dieses patriotischen Poems war mein Urgroßvater. Und was ich lange nicht wahrhaben wollte, haben andere Menschen sofort erkannt: Auf manchen Fotos, die von ihm erhalten sind, sieht er mir ähnlich. Oder richtiger gesagt: Angesichts dieser Bilder ist es offenkundig, dass ich von diesem teils gescheiten, teils bornierten Kleinstadt-Patriarchen abstamme. Ob mir das nun gefällt oder nicht.