Ich hielt mich ja immer für sehr sportlich. Ich laufe, gehe schwimmen und zum Yoga. Aber gegen das, was in Zürich an Sport betrieben wird, ist das ein Witz. Wenn ich am Wochenende in der Straßenbahn sitze, sieht es aus wie im "Sportstück" von Elfriede Jelinek, und zwar an jenem legendären Abend im Wiener Burgtheater, als man gratis hineinkam, wenn man Sportsachen anhatte. Jeder zweite trägt Wanderschuhe und -stöcke, der Rest Skistiefel. Von allen Seiten rammen sie einem Schlitten, Snowboards und Skier in den Rücken.

Unlängst nach dem Schwimmtraining tauschten sich zwei Frauen darüber aus, wie wenig Zeit ihnen neben der Arbeit für Sport bleibt. Mit halbem Ohr hörte ich, dass die beiden neben dem Schwimmtraining im Ruderclub sind, mountainbiken und Halbmarathon laufen. Eine andere Frau, die schwimmt, turnt, Fußball spielt und jedes Wochenende in die Berge fährt, stimmte zu. Eine weitere war zu atemlos, um mitzureden. Sie war vor dem Kraultraining schon Tango tanzen.

Ich vermute, es liegt an Zürich. Wenn man in einer Stadt lebt, die als Slogan "Erlaubt ist, was nicht stört" hat, will man so oft wie möglich irgendwo hinaus, hinauf oder hinunter. Schön ist das nicht immer. Als mein Sohn in der Kinderkrippe war, hatte er an Winternachmittagen oft eine blutige Nase. Er war mit der Kindergruppe den eisigen und steilen Uetliberg hinunter geschlittelt, was für Schweizer Kinder in diesem Alter eine völlig normale Aktivität ist. Mein Sohn war damals zwei.

Inzwischen hat auch mich der Ehrgeiz gepackt. Mein Jahr 2012 steht im Zeichen der Sportereignisse. Juli: Zürich-Triathlon (kurze Distanz). August: Limmatschwimmen. Dezember: Silvesterlauf, der allerdings am 16. 12. stattfindet, denn: Zwei Wochen vor der Zeit sind des Schweizers Pünktlichkeit! Die Daten trage ich übrigens in den "Abfallkalender" ein, den die Stadt Zürich jedem Bewohner schickt, damit man sein Leben nach jenen Tagen ausrichten kann, an denen Gartenabfall, Pappe oder Altkleider "gebündelt und geschnürt vor 7 Uhr vor die Haustür" gelegt werden müssen.

Leider habe ich noch keine Seeüberquerung geschafft, die jeden Sommer stattfindet. Im ersten Jahr war ich auf Urlaub, im zweiten kollidierte der Termin mit der Abfuhr von Sperrgut. Als ich vergangenen August zum See fuhr, zog ein Gewitter auf und die Seeüberquerung wurde abgeblasen. Ich sah Leute vor Enttäuschung weinen, wobei ich bis heute nicht nachvollziehen kann, was so reizvoll daran sein soll, zu Tausenden durch den See zu strampeln, während alle paar hundert Meter ein Passagierschiff kreuzt. Ich habe auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn ich bin als Begleitperson in der Vorschule meines Sohnes eingeteilt. Die Vierjährigen gehen Eislaufen.

Verena Mayer,geboren 1972 in Wien, Journalistin und Autorin, lebt in Zürich.