Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".
Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".

Hugo Portisch, dessen Plädoyer für Europa unter dem Buchtitel "Was jetzt" seit Wochen auf der Bestsellerliste steht, ist in seiner Öffentlichkeitswirksamkeit selbst mit 85 Jahren noch ein journalistisches Phänomen.

In der Wochenzeitung "Die Furche" sagt er über seine in den 80er und 90er Jahren in insgesamt 43 Teilen ausgestrahlten Fernsehserien "Österreich I" und "Österreich II", die er zu Recht als sein Lebenswerk und Beitrag zur Identitätsstiftung der Österreicher betrachtet: "Es war daher an der Zeit, unsere ganz eigene Geschichte zu begreifen, die Handlungsweisen erklärbar machen und schnelle Urteile zu hinterfragen. Ein Beispiel: Es konnte doch nicht sein, dass alle, die 1938 gejubelt haben, nur Dummköpfe, Wahnsinnige oder Verbrecher waren. Da waren viele Jahre der Verzweiflung und dann die bösen Kräfte der Verführung und Verhetzung am Werk."

Erwähnenswert ist das deshalb, weil in der "Furche" seit Ende Jänner ein "Historikerstreit" um Portisch ausgetragen wird, der anderen Medien gar nicht aufgefallen ist. Ausgelöst hatte ihn am 26. Jänner der konfliktfreudige Zeithistoriker Gerhard Botz, der sich als Kämpfer gegen die "Opferthese" als Lebenslüge der Zweiten Republik einen Namen gemacht hat. In einem Interview vermisste er die "problematisierende Dimension" der Dokumentationsserie Portischs. "Dadurch, dass er dieses Monsterprojekt Österreich II und I machen konnte, hat er sozusagen eine für beide damals noch großen politischen Lager akzeptable Geschichtserzählung konstruieren können. Es war eine deskriptive, erzählende Politikgeschichte." Daran hätten auch die von Portisch "eingekauften" historischen Berater nichts verbessert.

Der akademische Gelehrte erhebt sich somit gegen einen Publizisten, der hunderttausende Fernsehkonsumenten für die Geschichte des eigenen Landes und Volkes in Bann schlug. Die durchaus nötige Abgrenzung der Fachhistorie gegen die Modeerscheinung der "narrativen Wissenschaft" mag Botz zu seiner Kritik angespornt haben, vielleicht spielte auch gesundes Zunftbewusstsein mit. Dass Portisch mit seinem Werk aber die halbe Nation erreichte, was wissenschaftlichen Büchern selbst angesehener Historiker selten gelingt, scheint Botz wenig zu beeindrucken. Portisch hat sich gegen den Angriff ausführlich zur Wehr gesetzt.

Manfried Rauchensteiner sprang ihm stellvertretend für viele andere Historiker bei und schrieb mit erkennbarem Groll: "Die Ergebnisse allgemein verständlich mitzuteilen, erzählerisch zu werden, entscheidet über die Chance der Verbreitung. Und ganz unter uns: Eine gar nicht so kleine Zahl unserer Kollegen kann sich weder verständlich ausdrücken noch einigermaßen gerade Sätze bauen."

Das Match ist nicht abgeschlossen. Ein Faktum soll in der Zwischenbilanz nicht unerwähnt bleiben: Der ORF wäre in seiner derzeitigen Verfasstheit gar nicht mehr in der Lage, ein "Monsterprojekt" wie "Österreich I" und "Österreich II" auszudenken und durchzuführen.