Manchmal wünsche ich mir die korrekte Schweiz etwas korrupter. So wie Wien, nach dem Motto: Ein bisserl was geht immer. In der Schweiz geht nie irgendetwas. Vor ein paar Tagen habe ich es wieder geschafft, eine Regel zu brechen. Ich habe das Tagesticket für die Schweizer Bahn, das ich am Schalter gekauft hatte, nicht selbst entwertet, obwohl ich dazu laut Beförderungsbedingungen verpflichtet gewesen wäre. Ich hörte das zum ersten Mal. Der Schaffner kannte keine Gnade. 90 Franken Buße. Ich muss langsam aufpassen, denn beim nächsten Mal schieben mich die Schweizer wahrscheinlich ab. Ich bin ja jetzt eine straffällig gewordene Ausländerin.

Ach, mein Wien! Wo ein Polizist eine Straße abriegelt und dann erklärt, wo man über die Absperrung klettern kann: "Dort hinten, da siech i nix." Ich ging in die Hofreitschule, um meinem Sohn die Tradition der Stadt zu zeigen, in der immer ein bisserl was geht. Ich erfuhr, dass Kinder erst ab drei Jahren die Morgenarbeit sehen dürfen. Der dritte Geburtstag meines Sohnes war vier Monate entfernt, in vorauseilender Korrektheit wollte ich den Rückzug antreten. Das Personal winkte uns einfach durch. Ich weiß, das ist der Anfang von Kulanz, Korruption, KHG. Aber das Leben erhält dadurch auch eine gewisse Leichtigkeit.

Mit Karl-Heinz Grasser hatte ich übrigens Mitte der 90er als Journalistin in Wien zu tun. Grasser war damals Pressesprecher, zuständig für einen geplanten Vergnügungspark in Form einer Riesenkugel. Er war nie zu erreichen, hatte nie Zeit und rief nie zurück. Heute kann ich das natürlich besser einordnen. Jemand mit einem so großen Familiensinn, dass er Geld der Schwiegermama in einem Papiersackerl über die Schweizer Grenze bringt, ist natürlich im Stress. Ich kann für KHG nur hoffen, dass er das leere Sackerl nicht in einen Mülleimer geworfen hat, auf dem "Für e suubers Züri. Nur Züri-Säcke" steht. Das kann bis zu 200 Franken Buße kosten!

Und die Schweizer? Ein Wiener Freund erzählte mir von einem Schweizer, der in Wien eine Wohnung mietete. Er maß die Quadratmeteranzahl nach, die im Mietvertrag stand. Die Wohnung war um 1,5 Quadratmeter kleiner als angegeben. Und?, fragt jeder Wiener jetzt. Nun ja, der Schweizer zog vor Gericht. Ich weiß nicht, was aus der Sache wurde. Vielleicht hat dem Schweizer inzwischen jemand erklärt, was die Wiener Redewendung "Wir wer’n kan Richter brauchen" bedeutet.

Ich selbst fuhr zuletzt mit dem Zug nach Genf. Die zweite Klasse war gesteckt voll, ich fand keinen Sitzplatz. Ich wollte mich gerade auf dem Boden niederlassen, als der Schaffner sagte, ich solle in die erste Klasse gehen. Er jedenfalls würde mich dort nicht bemerken. Na bitte, geht doch.

Verena Mayer, geboren 1972 in Wien, Journalistin und Autorin, lebt in Zürich.