Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".
Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".

Schon als spröde Innenministerin orientierte sich Maria Fekter gern an körperlichen Besonderheiten. Sie glaubte die Natur eines jungen Menschen zu durchschauen, über dessen Schicksal sie zu bestimmen hatte: Die Rehäuglein Arigona Zogajs waren es, deren Glanz sie misstrauisch machte. Dieser Tage erfasste sie mit untrüglichem Blick die Nierensteine des Eurogruppen-Chefs Jean-Claude Juncker.

Im einen wie im anderen Fall machte sie mit ihren Aussagen Schlagzeilen, aber geschadet hat ihr im Inland beides nicht wirklich. Wahrscheinlich meinen ihre Landsleute, dass an ihrer Sicht der Dinge auch irgendetwas dran sein kann. Denn die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ist, wie wir spätestens seit Platon wissen, grundsätzlich begrenzt.

Vom Rückenleiden des US-Präsidenten John F. Kennedy bis zum Rollstuhldasein des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble und der in Erschöpfung endenden politischen Karriere des ÖVP-Vizekanzlers Josef Pröll mehren sich die Belege für einen Zusammenhang zwischen Politik und medizinischer Drangsal.

Eine Extremsituation schildert der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl aus dem Schicksalsjahr 1989: Die DDR ist bereits dem Zusammenbruch nahe, die CDU des Parteichefs Kohl auch, denn der Konflikt zwischen ihm und dem Herausforderer Heiner Geißler hat den Höhepunkt erreicht. Und weil beides nicht zusammengehört, aber zusammenkommt, bricht fünf Tage vor dem entscheidenden CDU-Bundesparteitag in Bremen Kohls Prostataleiden mit aller Härte aus: "In meiner Not rannte ich schließlich im Schlafanzug durch den Kanzlergarten zur Wache", berichtet Kohl. Im Polizeiauto ging es ins Krankenhaus. Der Urologe Rudolf Hohenfellner wollte ihn sofort operieren, aber Kohl wehrte sich: "In der damaligen Situation hätte mir niemand abgenommen, dass ich wirklich krank war." In Begleitung des Urologen, der als "neuer Mitarbeiter" der CDU ausgegeben wurde, fuhr der Kanzler zum CDU-Parteitag. Wenige Stunden vor dessen Beginn gab der ungarische Außenminister die bevorstehende Öffnung der ungarischen Grenze für DDR-Flüchtlinge bekannt.

Kohl: "Trotz der peinigenden Schmerzen bereitete es mir große Genugtuung, an jenem denkwürdigen 10. September vor die versammelten Journalisten zu treten, die mit ganz anderen Erwartungen zu dem Parteitag gereist waren, und die Nachricht von der Öffnung der ungarischen Grenze zu verkünden." Danach überstand er den Parteitag in der Bremer Stadthalle zweifach - als CDU-Chef und als gepeinigter Mensch.

Das Banale an Junckers Nierensteinen liegt darin, dass wahrscheinlich alles weniger schlimm ist und die Kunde darüber bloß durch eine erzählfreudige österreichische Ministerin in Umlauf gebracht wurde. Sie glänzte in dieser ihrer Fähigkeit in Brüssel zweimal hintereinander, und sollte es sich um ein Leiden handeln, wäre das ähnlich, wie Fekter es bei den Steinen in der Niere vermutet: ein Zusammenhang zwischen Politik und temporärer Gestörtheit.