Das Wiener Fitnesscenter meiner Wahl wirbt mit dem Slogan "Bewegung ist Leben" um seine Kunden. Klingt gut, ist aber natürlich blanker Blödsinn. Genauso wie "Geiz ist geil" oder "Ich habe ja nichts zu verschenken". Wer nämlich wirklich nichts zu verschenken hat, finde ich, ist mindestens genauso armselig dran wie ein geiziger Geilspecht, und dass menschliches Leben ganz gut auch ohne Bewegung funktionieren kann, führe ich jeden Abend vor dem Fernseher vor. Weil endlich wieder Herbst ist. Und da darf man sich solche Eskapaden erlauben.

Im Sommer ist Faulheit fehl am Platz. Da musst du ständig raus an die frische Luft, am Sonntag zumindest im Schwimmbad gewesen sein, der laue Abend lockt zum Heurigen und eine Fernreise sollte sich irgendwie auch noch ausgehen, selbst wenn das lästig ist, weil du spätestens am Flughafen kapierst, dass ganz Wien denselben Gedanken hatte. Dazu kommen noch verschwitze Leiber in kurzen Hosen und knappen Hemden. Fragwürdige Fremdgeräusche, die nächtens aus dem weit offenen Schlafzimmerfenster der Nachbarswohnung dringen. Speiseiskremverpickte Kleinkindgesichter. Wespen. Mücken. Und rabiates Weidevieh.

Im Herbst dagegen dringt endlich wieder Ruhe ein. Leben ohne Bewegung sozusagen, dafür aber mit Maroni. Sogar ein Ende vom Baustellenchaos ist abzusehen. Früher dachte ich, dass der Herbst hauptsächlich aus Husten und Heiserkeit besteht. Mittlerweile weiß ich aber, das ist nur ein kleiner Funke Fegefeuer, der leicht übertaucht werden kann, und gleich danach wird’s voll gemütlich. Der Herbst ist die Jahreszeit der Entschleunigung. Da wird der Mensch zum Murmeltier, setzt Speck an und bereitet sich auf einen langen, kalten Winter vor. Zumindest der kluge Mensch. Und falls im Haushalt keine schulpflichtigen Kinder vorhanden sind, könnte sich sogar ein kleiner Urlaub ausgehen. Beschauliches Entspannen abseits aller Pauschaltourismusmassen und, solange man dabei in Europa bleibt, ganz sicher auch ohne Sonnenbrand.

Kann leicht sein, dass ich mich bald in ein abgeschiedenes Landgasthaus verkriechen werde. Wo es feinen Schweinsbraten gibt, gutes Bier und eine Fernsicht, die gerade hoch genug über den Nebelfeldern liegt. Müßiggang und Völlerei auf Topniveau. Sie wollen die Adresse wissen? Verrate ich Ihnen gerne. Aber erst in den Weihnachtsferien. Weil im Herbst brauch‘ ich meine Ruhe.

Artikel erschienen am 28. September 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 47