Dieser attraktive, vom Dichter frei erfundene junge Mann wird auf der Bühne von einer Sängerin dargestellt. Zu Beginn des Geschehens liegt dieser mädchenhafte Jüngling (oder das jünglingshafte Mädchen) mit der älteren, verheirateten Marschallin im Bett, findet aber später eine passendere Geliebte in Gestalt der jungen Sophie von Faninal.

Zum Andenken an diese ästhetisch-erotische Kunstfigur des Fin de Siècle wird der ovale Prunksaal des Palais Auersperg heute noch "Rosenkavaliersaal" genannt. Und eben dieser elegante Raum bildete am vergangenen Wochenende den Mittelpunkt einer sogenannten "Erotikmesse", wo die neuesten Angebote der Sex-Shop-Branche präsentiert wurden.

Dabei wurde immerhin der Versuch unternommen, dieses durch und durch zeitgenössische Event mit der Tradition der Location in einen gewissen Einklang zu bringen: Manche der Verkäuferinnnen, die Massageöle, Sexspielzeuge und "Bordello"-Reizwäsche anboten, waren zum Beispiel in Gewänder der vorletzten Jahrhunderwende gekleidet.

Vorbilder für diese Maskeraden hätte man auch in der raffiniert-sinnlichen "Rosenkavalier"-Sphäre finden können. Doch Feinsinn gehört nicht zur Kernkompetenz heutiger Sex-Anbieter, also orientierten sich die Veranstalter an einer derberen Kunstfigur: "Salon Mutzenbacher" nannte sich die Messe, als Hommage an Wiens berühmteste Dirne, die von Hofmannsthals Zeitgenossen Felix Salten erfunden worden ist. Deshalb wurde aus dem "Rosenkavaliersaal" ein "Foglhaus" - also ein "Puff", wie der strizzihaft maskierte Moderator namens Al Fonso ungeniert übersetzte. Allerdings soll auf solchen Messen nur die Schau- und Kauflust befriedigt werden, und so diente dieses nachgebaute "Foglhaus" lediglich als Kulisse für Entkleidungskünstler beiderlei Geschlechts.

Die Musik, die das Geschehen untermalte, stammte jedoch nicht aus Alt-Wiener Zeiten. Aus allen Lautsprecherboxen wurden die Besucher mit Pop beschallt, und ein Titel wurde mehrmals wiederholt, während auf der Bühne die Hüllen fielen: "Sweet dreams are made of this . . . everybody is looking for something. . ." Dieser Welterfolg der "Eurythmics" passte ausnehmend gut zur Scheinwelt der aufreizenden Posen und der neugierigen Blicke.

Aber von Traum und Schein handelt auf seine Weise auch "Der Rosenkavalier": Als ob sie von der Realität ihrer Liebe nicht ganz überzeugt wären, singen Octavian und Sophie in ihrem berückenden Final-Duett: "Ist ein Traum kann nicht wirklich sein / dass wir zwei beieinander sein."

Und so träumen die Erotikmessenfans dieses, die Opernliebhaber jenes - doch gemeinsam ist beiden, dass sie zuweilen eben gerne träumen.