Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle einen Beitrag mit der Überschrift "Von der Schwierigkeit, einen Polizisten anzureden" veröffentlicht. Auf vielfachen Wunsch setze ich dieses Thema fort: Heute geht es um Rechtsanwälte, Richter und Staatsanwälte.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Ich beziehe die nachfolgenden Informationen von Dr. Alfred Waldstätten, er ist Hofrat des Verwaltungsgerichtshofes und Autor des beeindruckenden Buches "Staatliche Gerichte in Wien seit Maria Theresia", erschienen 2011 im Innsbrucker "Studienverlag" und inzwischen ein wichtiges Nachschlage- werk für historisch interessierte Juristen.

Als bekannt darf ich voraussetzen, dass bei den Richtern Ende der 1970er Jahre eine titularische Sensation stattgefunden hat. Die Richter haben sich im Zuge einer Besoldungsreform die Titel Landesgerichtsrat, Oberlandesgerichtsrat, Senatsrat etc. wegverhandeln lassen. Seither gibt es nur noch Funktionsbezeichnungen wie "Richter des Landesgerichts", "Vorsteher des Bezirksgerichts", "Senatspräsident des Oberlandesgerichts".

Die Titel sind also weg, da aber die Funktionsbezeichnungen schwer zu handhaben sind, lebt die Anrede "Herr Rat" als Kurzform für Landesgerichtsrat, Oberlandesgerichtsrat etc. weiter. Die weibliche Form heißt nicht "Frau Rätin", sondern "Frau Rat". Einen Staatsanwalt spricht man mit "Herr Staatsanwalt", eine Staatsanwältin mit "Frau Staatsanwalt" an, aber es ist auch "Frau Staatsanwältin" zu hören. Die Präsidenten, Vizepräsidenten und Senatspräsidenten werden üblicherweise mit "Herr Präsident" oder "Frau Präsidentin" angesprochen.

Erhalten geblieben ist der Hofrat. Trägt ein Richter oder Staatsanwalt diesen Berufstitel, so ist er so zu titulieren. Ob eine Richterin oder eine Staatsanwältin als "Frau Hofrätin" oder "Frau Hofrat" angesprochen werden soll, ist Geschmackssache. Sie könnte auf "Hofrätin" Wert legen oder die weibliche Form als lächerlich empfinden. Hier ist Fingerspitzengefühl erforderlich.

Waldstätten hat mich aufgeklärt, dass es den Titel Hofrat beim Obersten Gerichtshof und beim Verwaltungsgerichtshof gibt, allerdings nicht beim Verfassungsgerichtshof. Die Mitglieder des Verfassungsgerichts sind als solche seit jeher keine Staatsbeamten.

Außerdem hat mir mein Freund Alfred Plischnack, ein Bezirksrichter, erzählt, wie hin und wieder
mit einer falschen Titelwahl kleine Giftpfeile abgeschossen werden.
Da ein Rechtsanwalt zu einem Richter im Normalfall "Herr Rat" sagt, kann die Anrede "Herr Doktor" als despektierlich empfunden werden.

Der Richter kann sich damit rächen, dass er zum Rechtsanwalt nicht "Herr Doktor", sondern "Herr Rechtsanwalt" sagt. Mit einem entsprechenden Tonfall unterlegt kann das bedeuten: "Sie sind zwar ein Anwalt des Rechts, haben aber vom Recht keine Ahnung." Seit einiger Zeit kann man es auch mit einem Rechtsanwalt zu tun haben, der nicht ein Doktor, sondern ein Magister ist. Dieser wird selbstverständlich mit "Herr Magister" angesprochen, im Zweifel auch mit "Herr Doktor".