Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Wenn sich Sprachen vermischen, geht es hoch her. Ein Beispiel dafür ist der Slang der Jugendlichen in städtischen Gebieten mit hohem Ausländeranteil. Dort vermischt sich das Deutsche mit dem Türkischen. Ein Wesenselement dieser neuen Jugendsprache, die auch von Einheimischen praktiziert wird, ist das Weglassen von eher unwichtigen Wörtern. Ein Jugendlicher sagt also: "Ich gehe Berufsschule!" Die Partikel "in" und den Artikel "die" schenkt er sich.

Auch den Hilfszeitwörtern geht es an den Kragen. "Was denn los hier?" In diesem Fall muss man sich eine Form von "sein" hinzudenken. Gleiches gilt für den Satz: "Ja, ich aus Favoriten." Auch besitzanzeigende Fürwörter wie "dein" können entfallen: "Hast du Handy mit?"

Oft wird das im Deutschen gängige Prinzip der Verbzweitstellung missachtet. Statt "Morgen gehe ich ins Kino", heißt es: "Morgen ich gehe Kino!" Die Positionen der Wörter "gehen" und "ich" werden vertauscht. Oder: "Im Sommer ich fahre Türkei."

In Deutschland ist ein Streit darüber entbrannt, wie diese sprachlichen Veränderungen einzuschätzen sind. Die Germanistin Heike Wiese von der Universität Potsdam sieht darin "eine produktive und innovative Erweiterung des Standarddeutschen". Sie bezeichnet die neue Jugendsprache als einen Dialekt. Häufig gehe es um Entwicklungen, die in der deutschen Sprache ohnedies angelegt sind.

Sie hat in einigen Fällen recht, allerdings dreht es sich meist um Ausnahmen von der Regel. Ich erinnere mich noch daran, wie in meiner Jugend die Fahrtrichtung der Stadtbahnzüge angesagt wurde: "Zug fährt Heiligenstadt!" Damals hat sich niemand daran gestört, dass das Wort "nach" fehlt.

Der Bamberger Sprachwissenschafter Helmut Glück wies zu Recht darauf hin, dass es sich bei dieser Jugendsprache nicht um einen Dialekt handelt. Ein Dialekt ist an eine bestimmte Region gebunden und historisch gewachsen. Das "Türkendeutsch" funktioniert hingegen in Wien genauso wie in Frankfurt oder Berlin. "Dazu gehören die Verwechslungen beim grammatikalischen Geschlecht - das Türkische hat keins - sowie die Verwechslungen bei den Präpositionen, die im Türkischen ebenfalls ganz anders gestrickt sind. Solche Varianten weichen dann natürlich immer an denselben Stellen vom Standard der jeweiligen Zielsprache ab. Das ist kein Wunder, sondern erwartbar. Bei Lernprozessen von Leuten aus anderen Sprachen treten an diesen Punkten Schwierigkeiten auf." Vermutlich wissen die meisten Jugendlichen, wann sie den neuen Slang sprechen dürfen und wann korrektes Standarddeutsch gefragt ist. Wer das nicht begreift, wird bei Vorstellungsgesprächen Probleme bekommen.

Inzwischen ist auch die Werbung auf den Zug aufgesprungen. Eine Elektronik-Fachmarktkette wirbt unter Auslassung des Hilfswortes "sein" mit dem Slogan: "So muss Technik!" Die Werber schielen damit auf eine für sie offensichtlich interessante Zielgruppe: Jugendliche aus Immigrantenfamilien und österreichische Jugendliche, die diese Sprechweise "cool" finden.