Nudel- oder Frittatensuppe isst man am besten so: Zuerst schiebt man die Teigeinlage zur Seite und löffelt die Suppe solange weg, bis die mit viel Flüssigkeit vollgesogenen Nudeln oder Frittaten übrig bleiben, die man dann zum Schluss verspeist. Das funktioniert (und schmeckt) hervorragend - jedenfalls viel besser, als wenn man versucht, die Einlage gleich zu Beginn mit jedem Löffel Suppe mitzustransportieren und Richtung Mund zu balancieren, was oft misslingt.

Diese Suppenweisheit habe ich von Marcel Prawy, der sie in einer Radiosendung geäußert hat, die erst vor wenigen Wochen (auf Österreich 1) ausgestrahlt wurde. Darin hat der vor zehn Jahren verstorbene "Opernführer" noch andere köstliche Ratschläge erteilt, denn die Sendung war ausschließlich dem Thema Nahrungsaufnahme gewidmet. So erzählte Prawy, dass er im Grunde nur vier Speisen mochte: Nudelsuppe, Brathuhn, Maroni und Speiseeis. Anscheinend ist er damit weltweit durchgekommen, auch wenn es ihm Länder wie Österreich oder die USA nicht immer leicht gemacht haben, wie er auch verriet.

Österreich, weil es hier - völlig unsinnig, wie Prawy befand - Maroni nur im Winter, Speiseeis hingegen nur im Sommer gibt (mittlerweile da und dort auch im Winter). In den von Prawy ansonst durchaus geschätzten USA (vor allem Miami, das er so aussprach, wie es geschrieben wird, liebte er sehr) wurde ihm wiederum das Brathuhn stets nur als Ganzes oder Halbes ausgefertigt, aber nie in kleinere Stücke zerteilt. Selbst auf Knien vorgebrachte flehentliche Bitten, "to cut my chicken", wurden ihm nicht erfüllt. Und das stellte Prawy vor unüberwindliche Probleme: "Ich kann ganze Opern bis in kleinste Szenendetails zerlegen, aber ich kann kein Brathuhn teilen!"

Es war eine der unterhaltsamsten Sendungen, die ich in diesem Jahr bisher gehört habe. Von der originellen Lebenspragmatik Prawys wusste man ja spätestens seit seinem legendären Auftritt in Hermes Phettbergs "Nette Leit-Show", wo er Mitte der 90er Jahre seine Plastiksackerl-Sammlung präsentierte - und die dahinter und vor allem darin steckende Ordnung ausführlich erläuterte.

Mir war seine charmant-gewitzte Art (genauso wie sein Entschluss, im Hotel zu wohnen, oder sich für einen "Lebensmenschen" statt einen Ehepartner zu entscheiden) immer sympathisch. Nur für eine Sache konnte mich dieser immens verführerische und animierende Mann nie begeistern - für die Oper. Diese Kunstgattung, der Prawy bekanntlich sein Leben widmete, und aus welcher Leidenschaft er - auch das muss man einmal schaffen! - einen respektablen "Beruf" machte, ist mir bis heute fremd geblieben. Die Begeisterung, mit welcher er das jeweilige Bühnengeschehen und die dazugehörige Musik vermittelte, kam recht wohl bei mir an, aber nicht der Inhalt der Botschaft.

Ganz anders bei den Ess-Tipps, die mich nicht nur erheitern, sondern mir auch praktische Anleitungen mit an die Hand geben. In diesem Sinne ist nun jeder Suppenverzehr für mich eine kleine Aufführung.