Während in Österreich der Nationalsozialismus mit seinen Gräueltaten lange Zeit verharmlost wurde, scheint sich das Land nun einer Normalität zuzubewegen. Die Feiern vor der Krypta am Heldentor sind den Burschenschaftern entrissen worden, die Täter werden nicht mehr insgeheim geehrt und die Politiker gedenken der Opfer des Nationalsozialismus.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Aus dem Tag der Niederlage des "Dritten Reiches" ist ein Tag der Befreiung Österreichs geworden. Auch die reformierten Gedenkaktivitäten in Mauthausen erwecken den Eindruck, dass ein neues Kapitel in der Aufarbeitung der Geschichte aufgeschlagen wurde.

Man sollte kurz innehalten und konzedieren, dass dies ein Verdienst der sonst so verschmähten Koalition von SPÖ und ÖVP ist. Diese hat offensichtlich auch ihre guten Seiten. Erst jetzt kann man sich ruhigen Gewissens mit Randthemen befassen, zum Beispiel mit einem Sprachwandel bei der Bezeichnung für die systematische und auch mit industriellen Methoden durchgeführte Vernichtung von rund sechs Millionen Juden - nach der Naziterminologie war das "die Endlösung der Judenfrage".

Das griechische Wort holókaustos bedeutet so viel wie vollständig verbrannt. Es hat sich ursprünglich auf die in der Antike verbreitete religiöse Praxis der Verbrennung von Tieren als Opfer bezogen. Dafür verwendete es erstmals der Historiker Xenophon, dann auch die griechische Bibelübersetzung, die Septuaginta. Martin Luther übersetzte den Ausdruck mit Brandopfer.

Dem Internet-Lexikon "Wikipedia" entnehme ich, dass Holocaust zunächst im englischen Sprachraum verwendet wurde, der erste Beleg stammt aus einer Ausgabe der Tageszeitung "News Chronicle" vom Dezember 1942. In der angelsächsischen Geschichtswissenschaft ist er seit 1945 gängig. Seit der Fernsehserie "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiß" von 1979 setzte sich der Begriff auch im deutschen Sprachraum durch - in englischer Schreibweise.

Das hebräische Wort Shoah (= Unheil, Katastrophe, Heimsuchung) steht ebenfalls für die Judenvernichtung. Es bürgerte sich in Westeuropa vor allem wegen des Dokumentarfilms "Shoah" von Claude Lanzmann von 1985 ein. "Unter den Juden und in Israel sind Begriff und Bedeutung von Shoa im Zuge der langen Geschichte der Judenfeindlichkeit und der damit verbundenen Pogrome schon vor dem Holocaust geläufig gewesen", schreibt "Wikipedia". "Der Ausdruck ging daher in die Unabhängigkeitserklärung Israels von 1948 ein. Seitdem wird er von Juden überwiegend verwendet."

Das Wort Holocaust wird von vielen Juden abgelehnt, weil es sie in eine Opferrolle drängt. Es erweckt den Eindruck, dass der Judenverfolgung ein positiver religiöser Sinn gegeben werden kann. Dass dies auch Auswirkungen auf den allgemeinen Sprachgebrauch hat, ist verständlich. Während bis vor kurzem im Deutschen der Begriff Holocaust dominierte, ist nun das Wort Shoah dabei, ihm den Rang abzulaufen. Für jene, die es verwenden wollen: Bei hebräisch Sho’ah liegt die Betonung auf der zweiten Silbe.