Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Was ist der Unterschied zwischen einem täglichen Seminar und einem eintägigen Seminar? Wer der deutschen Sprache halbwegs mächtig ist, wird diese Frage beantworten können. Auch die unterschiedliche Bedeutung von wöchentlich und -wöchig, jährlich und -jährig ist allgemein bekannt.

Dann kam das Hochwasser und dieses Wissen ist über Bord gegangen. Auf kurier.at las ich, dass ein hundertjähriges Hochwasser drohte. Der ORF berichtete im "Mittagsjournal" aus Bratislava, dass die Stadt gegen ein hundertjähriges Hochwasser gewappnet sei. Aber nicht nur das: Die getroffenen Vorkehrungen würden Bratislava auch vor einem tausendjährigen Hochwasser

schützen.

Nicht ein Slowake hat es so formulierte, sondern der österreichische ORF-Korrespondent, ein Mann, dessen Muttersprache Deutsch ist.

Es ist eine schlimme Vision, an die man kaum zu denken wagt. Hundert Jahre Hochwasser an der Donau - oder sogar tausend Jahre!

Schlimmer als die Sintflut, die Noah zum Bau der Arche veranlasst hat. Damals dauerte die Flut 40 Tage.

Bis der Wasserspiegel gesunken war, verging noch viel Zeit. Erst nach mehr als einem Jahr konnte Noah sein kastenförmiges Schiff verlassen.

Von der alttestamentarischen Legende zurück in die Gegenwart. Wenn es zu einem Hochwasser auf der Donau kommt, so wird dieses aufgrund der Abflussgeschwindigkeit kategorisiert. Bei einem zehnjährlichen Hochwasser fließen 7400 Kubikmeter in der Sekunde ab, bei einem dreißigjährlichen bereits 10.050 Kubikmeter. Ein hundertjährliches Hochwasser kommt auf 11.200 Kubikmeter oder mehr.

Das jetzige Hochwasser ist noch nicht kategorisiert. Das Hochwasser an der Donau im August 2002 war definitiv ein hundertjährliches, genauso jenes im Jahr 1899 und jenes im Jahr 1787.

Ein tausendjährliches Hochwasser gibt es nicht. Der bisher höchste gemessene Hochwasserabfluss der Donau lag bei 14.000 Kubikmeter pro Sekunde. Er ist im Jahr 1501 gemessen worden. Die statistischen Daten, zu finden auf der Website des Verkehrsministeriums, machen deutlich, dass derartige Umweltkatastrophen seit dem Mittelalter regelmäßig auftreten.

In den Medien hat es sich eingebürgert, ein hundertjährliches Hochwasser als Jahrhunderthochwasser zu bezeichnen. Das ist ein Versuch, den allzu technisch klingenden Fachbegriff ein wenig umzugestalten, den Sachverhalt etwas volkstümlicher auszudrücken. Freilich mit einem gravierenden Nachteil: Wir denken nicht mehr daran, dass es sich um ein statistisches Phänomen handelt, um ein Hochwasser, das im Schnitt alle hundert Jahre zu erwarten ist. Vielmehr drängt sich das Gefühl auf, dass wir es mit einem Allerweltsbegriff zu tun haben, ähnlich wie beim Wort Jahrhundertchance.

Dieses Dilemma führt dazu, dass manche Journalisten den Ausdruck nur mit Bauchweh verwenden. In der Tageszeitung "Der Standard" fand ich die Formulierung "das sogenannte Jahrhunderthochwasser". Das war auch eine Distanzierung von den reißerischen Aufmachern der Boulevardzeitungen.