Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Manchmal ist es nicht so einfach, sprachliche Streitfälle zu klären. Unlängst bekam ich über Facebook eine Mail-Anfrage, die aufs Erste simpel und ungefährlich ausgesehen hat: "Heißt es ,trotz dessen ursprünglicheN Bedenken‘ oder ,trotz dessen ursprünglicheR Bedenken‘? Theoretisch müsste die erste Variante stimmen, da ,trotz‘ ja den Dativ verlangt. Können Sie mir sagen, welche Lösung richtig ist und warum? Herzliche Grüße, Sophia."

Der Vorname hätte mich stutzig machen sollen. Sophia heißt auf Deutsch "die Weisheit", und wer die Weisheit in seinem Namen trägt, stellt keine einfachen Fragen. Ich bin ein unregelmäßiger Facebooker, manchmal schaue ich täglich hinein, dann wieder ein oder zwei Wochen lang gar nicht. Weil schon wieder so viel Zeit vergangen ist, schreibe ich schnell und unüberlegt zurück.

"Nein, ,trotz‘ verlangt den Genitiv, also den zweiten Fall. Früher war der Dativ, also der dritte Fall, üblich. Beweis: trotzdem. Deutsche Grammatiker, die die Sprachentwicklung genau beobachten, stellen fest, dass in Österreich der Dativ noch recht häufig ist. Demnach könnten wir ihn auch ruhigen Gewissens gebrauchen: ,Er trägt trotz diesem heißen Wetter eine Krawatte.‘

Für mich hat der Dativ allerdings einen unangenehmen Beigeschmack. In der Schrift würde ich ihn nicht verwenden, ich würde mich für den Genitiv entscheiden. Also: ,Er trägt trotz dieses heißen Wetters eine Krawatte.‘"

Im geschilderten Beispiel muss es also "trotz dessen ursprünglicheR Bedenken" heißen.

Wieder ziehen einige Tage durchs Land, da meldet sich Sophia erneut. "Hm, auch wenn ,trotz‘ den Genitiv verlangt: Es heißt doch ,trotz der ursprünglicheN Bedenken‘ und ,trotz seiner ursprünglicheN Bedenken‘! Müsste man nicht deshalb auch ,trotz dessen ursprünglicheN‘ schreiben? Daher meine (immer noch andauernde) Unschlüssigkeit."

Ich konnte also die ursprünglichen Bedenken meiner Facebook-Freundin nicht ausräumen. Mein Sprachgefühl sagt mir, dass "seiner" anders funktioniert als "dessen".

Aber warum ist das so?

Jetzt beginne ich in der einschlägigen Literatur zu blättern.

Ich konsultiere auch Jakob Ebner, die graue Eminenz hinter dem "Österreichischen Wörterbuch". Er erklärt mir den Unterschied zwischen schwacher Deklination (hier: ursprünglicheN) und starker Deklination (hier: ursprünglicheR).

Das Adjektiv wird stark dekliniert, wenn ihm kein Artikel vorausgeht: trotz ursprünglicheR Bedenken.

Wird ein Artikel verwendet, gilt die schwache Deklination: trotz der ursprünglicheN Bedenken.

Gleiches gilt für das besitzanzeigende Fürwort "seiner": trotz seiner ursprünglicheN Bedenken.

Wenn das Wort "dessen" vorangestellt wird, ist alles anders.

Hier handelt es sich, wie der Grammatiker sagt, um ein Genitivattribut. Es verlangt die starke Deklination: "trotz dessen ursprünglicheR Bedenken".

Hoffentlich habe ich damit Sophias Bedenken ausgeräumt. Dass sie grade dieses Beispiel gewählt hat, zeugt von Weisheit.