Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Apronyme, also Abkürzungen aus Anfangsbuchstaben, die ein neues Wort ergeben, haben etwas Kindisches an sich. Man stelle sich vor: Die sitzen erwachsene Amerikaner beisammen und überlegen, wie sie das neue Überwachungsprogramm nennen sollen. Endlich liegt ein Vorschlag auf dem Tisch: "Planning Tool for Resource Integration, Synchronization, and Management". Der Erfinder klopft sich auf die Schulter: "Die Bezeichnung ist genial, weil sich aus den Anfangsbuchstaben ein Wort mit Sinn konstruieren lässt." - "Ptrism", wird jemand buchstabiert haben, "eine Zusammenziehung von patriotism?" - "Nein. Wir nehmen das P von Planning Tool, das R von Resource, das I von Integration, das S von Synchronization, das M von Managment. What’s that spell?" - "Prism! Der geometrische Körper!"

Das britische Gegenstück heißt "Tempora". Ob es sich auch dabei um ein Apronym, die Unterart eines Akronyms, handelt, ist unklar. Es sieht so aus, wie wenn wir es mit dem lateinischen Wort tempora zu tun hätten, also "die Zeiten". Mir fallen assoziativ einige Redensarten ein, allen voran "O tempora, o mores". Vielleicht gibt es im britischen Geheimdienst Lateiner, es könnte sein, dass ein ganz Verschmitzter einen lateinischen Satz in die Debatte geworfen hat: "Oderint, dum metuant!"

Aber jetzt ernsthaft. Das für die Bespitzelung entwickelte Computersystem heißt "Boundless Informant", grenzenloser Informant. In diesem Ausdruck liegt Wahrheit. Das Programm ist dazu da, um aus einer Fülle von Daten mit Hilfe des Data Minings signifikante Zusammenhänge herauszufiltern, etwa die Reisebewegungen einer einzelnen Person.

Data Mining - schon wieder ein neuer Ausdruck. Die wörtliche Übersetzung ist "Daten-Bergbau", aber sie funktioniert nicht. Sinngemäß ließe sich sagen: "in einem Datenberg nach etwas Wertvollem graben".

Die Fachausdrücke aus dem angloamerikanischen Raum sträuben sich dagegen, ins Deutsche übersetzt zu werden. Das gilt auch für Whistleblower - von englisch "to blow the whistle", "ins Pfeiferl blasen". Die genaue Herkunft des Ausdrucks ist strittig, sodass wir uns dabei nicht aufhalten wollen, "Hinweisgeber" oder "Skandalaufdecker" sind keine brauchbaren Äquivalente, "Hinweisgeber" erinnert mich an einen Polizeispitzel, unter "Skandalaufdecker" stelle ich mir einen Journalisten vor.

Jener ehemalige Geheimdienst-Mitarbeiter, der in der britischen Zeitung "The Guardian" die Überwachungspraktiken enthüllt hat, ist also ein waschechter Whistleblower. Gemeint ist eine Person, die für die Allgemeinheit wichtige Informationen aus einem geheimen oder geschützten Bereich an die Öffentlichkeit trägt. Dazu gehören Missstände oder Verbrechen wie Korruption, Insiderhandel, Menschenrechtsverletzungen - oder eben wie in diesem Fall - der missbräuchliche Umgang mit Daten.

Und weil es so schön als Abschluss passt: Nach Bekanntwerden der Überwachungsprogramme erlebte das Buch "1984" von George Orwell in den USA und in Großbritannien einen Verkaufsboom.