Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Der Autor des kürzlich erschienenen Buches heißt Horst Dieter Schlosser, Professor für Deutsche Philologie an der Universität Frankfurt am Main. Das Buch trägt den Titel "Sprache unterm Hakenkreuz", es ist im Böhlau Verlag erschienen, und ich wünsche dem akribisch recherchierten und gut lesbaren Werk eine große Verbreitung.

Schlosser stellt die Schlüsselbegriffe der NS-Ideologie in einen historischen Kontext. So beschreibt er beispielsweise detailliert den Paradigmenwechsel vom Antijudaismus zum Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die feindliche Haltung gegenüber den Juden wurde von diesem Zeitpunkt an nicht mehr religiös, sondern rassisch begründet.

Um der neuen Ideologie zum Durchbruch zu verhelfen, war es notwendig, die Juden als biologisch definiertes Kollektiv zu sehen, und das war auch Kern der Nazi-Propaganda. "Die Agitation völkischer Kreise vor 1933, so auch Hitlers und der NSDAP, richtete sich in populistischer Weise vorrangig gegen diejenigen Juden, die in der Finanzwirtschaft, insbesondere im Kreditwesen tätig waren", schreibt Schlosser. Hier konnte man beim nichtjüdischen Durchschnittsbürger auf Resonanz hoffen, weil so mancher gerade in den Notzeiten der Weimarer Republik die Abhängigkeit von Krediten zu spüren bekam. Dass Juden beim Geldverleih eine besondere Rolle spielten, hing freilich damit zusammen, dass den Christen lange Zeit Geldgeschäfte nicht erlaubt waren. Juden konnten sich auf diesem Gebiet profilieren, weil sie vom kirchlichen Zinsverbot ausgenommen waren. Hitler sprach dann in "Mein Kampf" von der "jüdischen Weltfinanz" - die sprachliche Kollektivierung wurde gleichsam internationalisiert.

Der nächste Schritt der sprachlichen Degradierung war der sogenannte kollektivierende Singular: "der Jude" - damit sollte die Möglichkeit unterbunden werden, die Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe als Individuen wahrzunehmen. Mit der gleichen Absicht wurde der alte Stammesname "Juda" etabliert, er erlangte eine traurige Bekanntheit in der mörderischen SA-Parole "Juda, verrecke!" Schlosser: "Nicht erst diese Parole, sondern alle Kollektivierungen senkten unvermeidlich die Hemmschwelle vor einer generellen Verfolgung und Vernichtung alles Jüdischen."

Parallel dazu taten sich "Der Stürmer" und andere Publikationen damit hervor, dass sie sich in Karikaturen der seit dem 19. Jahrhundert stereotyp vorgeführten "typisch" jüdischen Physiognomie bedienten: fette Leiber, aufgedunsenes Gesicht, Hakennase, wulstige Lippen.

An diesem Punkt der Lektüre musste ich an jenen Cartoon denken, der auf Straches Facebook-Seite eine Zeit lang zu sehen war: Ein dicker Banker mit Hakennase sowie Davidsternen auf den Manschettenknöpfen wird von einem Regierungsbeamten angefüttert. Was dann geschah, ist bekannt. Die Staatsanwaltschaft Wien nahm sich der Sache an, doch sie sah den Tatbestand der Verhetzung nicht erfüllt und stellte das Verfahren ein. Und die Justizministerin verteidigte wortreich diesen Schritt.